Der jüngste Euphemismus aus dem Wörterbuch der Militärs heißt "nichttödliche Waffen für Friedensmissionen" (siehe nächste Seite). Doch niemand möge glauben, damit werde der Krieg harmlos. An diesen Waffen wurde bereits zu Zeiten des Kalten Krieges gearbeitet. Damals waren etliche von ihnen zur Aufstandsbekämpfung vorgesehen, auch als "Abstandswaffen" für Polizeikräfte. Dienen sie der Eindämmung von Konflikten, weil sie Kampfhandlungen mit weniger Opfern erlauben - oder senken sie gerade deswegen die Schwelle zur Gewalt?

"Gewalt gegen Sachen, nicht gegen Personen" lautete einst eine Formel der Apo. Ihr wurde entgegnet, daß dieser feine Unterschied die Gewalthemmung schwäche. In der Tat war es nicht selten nur ein Zufall, ob der Molotowcocktail ein Auto in Brand setzte oder einen Polizisten verletzte. Eine lehrreiche Debatte. Heute werden Laserkanonen entwickelt, die optische Geräte des Gegners stören sollen. Ist das nur sanfte Gewalt gegen Sachen? Mitnichten. Die Strahlen können genausogut das Auge des Mannes am Okular verbrennen.

Blenden, lähmen, fesseln: Jede Waffentechnik soll das Schicksal des Gegners in die Hand desjenigen legen, der sie einsetzt. Und was geschieht dann? Eine im Gefecht mit Superklebstoff immobilisierte Panzerbesatzung dürfte wohl kaum an Slapstick denken, sondern eher an Blut und Tod. Krieg war stets "ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen", wie der stets aktuelle Carl von Clausewitz schrieb. Das gilt für UN-Missionen (sauber) ebenso wie für Moskaus Krieg in Tschetschenien (schmutzig) - und für die jeweils andere Seite. Alle Kriegsmittel dienen diesem Ziel, und ob sie zu unblutigem Sieg oder zu Eskalation und Tod führen, hängt mehr von der Politik als von der Technik ab.

An dieser Stelle spätestens muß die Computertechnik erwähnt werden, denn sie revolutioniert das Waffenarsenal von heute. Experten reden vom "Informationskrieg" und meinen damit dreierlei: das Sammeln und Speichern von Information, den Schutz der eigenen und den Angriff auf die gegnerische Information. Wieder klingt das alles blitzsauber und nicht nach Schmerzen, Leiden und Leichen.

Die heutigen Aufklärungsmittel, besonders die Satellitentechnik, erlauben Informationsgewinnung aus einem breiten Spektrum elektromagnetischer Wellen, von Radiowellen bis zum Licht. Die Datenflut mit Hilfe vernetzter Rechner binnen kürzester Frist zu Bildern des Geschehens zusammenzuführen, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Mehr noch, die heutigen Kriegsingenieure bemühen sich um Computerprogramme, die aus derartigen Bildern Angriffsziele ermitteln - und nach einem Kopfnicken des Kommandeurs die Waffe selbständig ins Ziel steuern, auch wenn dieses sich bewegt. Schon wahr: Computer töten niemanden. Aber sie können den Tod bringen.

Informationstechnik läßt sich überdies vortrefflich mißbrauchen. Ein Blick ins Internet genügt, um sich davon zu überzeugen; zu "information warfare" gehören die Manipulation und Desinformation mit Hilfe der Netze. Eines der wichtigsten Ziele im Informationskrieg ist erklärtermaßen die Begriffshoheit. Eine typisch ideologische Redeweise ist die von den "nichttödlichen Waffen für Friedensmissionen": Diese Suggestionsformel enthält einen Subtext, der nahelegt, der moderne Krieg sei eigentlich der effektivste Friede überhaupt.