Der Kalte Krieg. Wir haben ihn so geliebt. Wann war er eigentlich zu Ende? Mit dem Vertrag von Helsinki 1975, Honecker zwischen Ford und Schmidt? Mit den Abrüstungsabkommen, Salt, Start, zwo, vier? Mit dem Tanz auf der Mauer am 9. November 1989? Mit dem Beitritt des Beitrittsgebietes, Chorgesang und Fahne hoch, in Berlin vor dem Reichstag? Mit der Auflösung des Warschauer Paktes 1991? Oder, im selben Jahr, Fahne runter, als Michail Gorbatschow kurzerhand die UdSSR für beendet erklärte?

Fahne rauf, Fahne runter - jedenfalls scheint Schluß zu sein. Nur: Irgend etwas stimmt da nicht, vor allem bei uns zu Haus. Ein paar hunderttausend Mann unter Waffen . . . und dafür noch 48 237 100 000 Mark im neuen Haushaltsjahr . . . und vor allem die Wehrpflicht, der staatliche Zwang für alle Bürger, die sich des Verbrechens schuldig gemacht haben, männlichen Geschlechts zu sein, circa ein Jahr ihres Lebens in einer Kaserne abzubüßen, Augen links und Augen rechts und ab durch den Stacheldrahtverhau. Also, irgend etwas stimmt da nicht.

Unsere Nachbarn, unsere Freunde im Bündnis, die ja sonst immer flott bei Fuß zitiert sind, wenn es (zum Beispiel während des Golfkrieges) um den schwärenden Pazifismus geht, der Deutschland in seinem Innersten zerfrißt, unsere Freunde und Verbündeten haben sich da längst, zum Teil schon vor Jahrzehnten, aus dem Schlamm gemacht. Die Vereinigten Staaten und Kanada kennen keine Wehrpflicht mehr, Großbritannien hat sie 1960 abgeschafft; Belgien, Luxemburg und die Niederlande berufen nicht mehr ein, und auch Frankreich, das revolutionäre Frankreich, allons enfants, das paranoide Frankreich, wird bald folgen.

So steht's.

Und ausgerechnet in diesem heiklen Moment langt auch noch unser wackerer Bundespräsident dazwischen. Am 15. November belehrte er die Kommandeure der Bundeswehr auf ihrer Jahrestagung in München - und wir wollen aufmerksam mitlauschen: "Die Wehrpflicht ist ein so tiefer Eingriff in die individuelle Freiheit des jungen Bürgers, daß ihn der demokratische Rechtsstaat nur fordern darf, wenn es die äußere Sicherheit des Staates wirklich gebietet. Sie ist also kein allgemeingültiges ewiges Prinzip, sondern sie ist auch abhängig von der konkreten Sicherheitslage. Ihre Beibehaltung, Aussetzung oder Abschaffung und ebenso die Dauer des Grundwehrdienstes müssen sicherheitspolitisch begründet werden können."

Na, dann begründet mal schön! (Und rasch, bevor der erste Zwangsrekrut mit diesen Sätzen des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Roman Herzog in der Hand zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe läuft.)

Ah, die Mafia, natürlich! Die Chinesen! Die Borkenkäferplage in Bayern! Der Islam! Die Russen - wie sie in Tschetschenien wüten! Obwohl: die Tschetschenen, vielleicht sind die noch viel gefährlicher . . . Und die Inguschen! Die Abchasen! Und was machen wir am Rhein, wenn das Wasser wieder steigt?