DIE ZEIT: Zum ersten Mal kommt in Deutschland eine ernsthafte, sogar erbitterte Europa-Debatte in Gang. Auf welcher Seite wird man Sie dabei finden, Herr Schäuble, Herr Lafontaine? Wolfgang Schäuble: Wir müssen die Öffentlichkeit davon überzeugen, daß der Weg der unumkehrbaren wirtschaftlichen Integration, aber auch der politischen Stabilisierung Europas durch die europäische Einigung das Zukunftsprojekt deutscher Politik ist.

Oskar Lafontaine: Ich bin für eine Wirtschafts- und Währungsunion. Sie muß aber zur politischen Integration beitragen und Wachstum und Beschäftigung in Europa fördern. Es ist offenkundig, daß die Stabilitätskriterien angesichts der aktuellen konjunkturellen Situation verfehlt werden. Deshalb kritisiert sogar ein Europäer und Anhänger der Währungsunion wie der ehemalige französische Präsident Giscard die Kriterien.

Schäuble: Jetzt wollen wir es mal genau wissen. Sie haben Giscard genannt. Sind Sie dafür, die Stabilitätskriterien aufzuweichen?

Lafontaine: Nein. Aber die Währungsunion darf nicht zu einem gesamteuropäischen Rezessionsprogramm werden. Ein Europa der Massenarbeitslosigkeit würde die politische Akzeptanz verlieren. Ehe es dazu kommt, daß die Währungsunion zum Sprengstoff für die europäische Einigung wird, wäre es besser, die Zeitpläne des Maastrichter Vertrags zu korrigieren. Europa ist wichtiger als die Einhaltung eines starren Zeitplanes. In Rom und Paris lacht man darüber, daß die Regierung Kohl die Stabilitätskriterien verfehlt.

Schäuble: Die SPD hat sich mit ihren populistischen Vorbehalten gegen Europa unter ihren sozialistischen Bruderparteien vollständig isoliert.

Lafontaine: Quatsch. Die Bruderparteien wollen, wie wir, einen europäischen Beschäftigungspakt.

ZEIT: Stichwort Beschäftigungspolitik: Die Arbeit geht aus, die Wirtschaft gerät in eine Flaute, der Sozialstaat wird zu teuer. Den großen Wurf aber hat die Koalition nicht gewagt. Auch aus den Reihen der Opposition hört man nichts davon. Erleben wir jetzt die Stunde einer großen Sachkoalition?