Dies ist ein ungewöhnliches Erinnerungsbuch: Man kann es in deutscher und, wenn man es einmal dreht und wendet, auch in italienischer Sprache lesen. Die spiegelverkehrte Gestaltung ist kein verlegerischer Witz, sondern entspricht genau der biographischen Kurve des Autors Hans Deichmann, der 1948, in der Mitte seines Lebens, nach Italien auswanderte, weil er es in der entstehenden bundesrepublikanischen Verdrängungsgesellschaft nicht mehr aushielt.

Ungewöhnlich ist aber auch die Form dieser Erinnerungen: Sie werden nicht dargeboten in chronologisch fortlaufender Erzählung, sondern in einer lockeren Folge von Episoden, die jeweils um einen bestimmten Gegenstand kreisen, dessen Anblick beim Betrachter eine Kette rückschauender Assoziationen auslöst. "Gegenstände" heißt daher lakonisch knapp der Titel, und damit ist zugleich die Position bezeichnet, die der Autor gegenüber dem Erinnerten bezieht. Er nimmt sich, soweit es geht, zurück, beschränkt sich ganz auf die Rolle eines Chronisten ("HD"), der in der dritten Person berichtet. Wohltuend hebt sich diese Selbstbescheidung ab von jener geschwätzigen Memoirenliteratur, die nun schon seit geraumer Zeit unseren Büchermarkt überschwemmt und zumeist nur der Selbstfeier ganz unbedeutender Zeitgenossen dient.

So ist denn dieser gediegene Band auch nichts für Querleser; dem Autor auf seinen verschlungenen Erinnerungspfaden zu folgen verlangt Geduld. Wer sie aufbringt, wird reich belohnt: Denn ihm erschließt sich hinter dem zufällig erscheinenden Ensemble der Begebenheiten eine Biographie, die in mancherlei Hinsicht vorbildlich genannt werden kann.

Geboren wurde Hans Deichmann 1907 als zweiter Sohn eines wohlhabenden Kölner Privatbankiers. In einem der schönsten Stücke des Bandes erzählt der Autor, wie er als Junge zusammen mit seinem älteren Bruder Carl und der um drei Jahre jüngeren Schwester Freya, hinter einem großen Vorhang aus gelber Seide verborgen, die Ankunft der Gäste zu den "Diners" im großen Patrizierhaus der Kölner Altstadt beobachtete. Wie die Damen noch rasch ihre Strumpfgürtel zurechtrückten und die Herren sich des Sitzes ihrer Fliegen vergewisserten, bevor sie, die Treppe hinauf, in den Empfangsraum stolzierten. Das war zu Beginn der Weimarer Republik, als das Bankhaus Deichmann noch florierte; 1931 wurde es, wie so manch anderes Finanzinstitut, ein Opfer der Weltwirtschaftskrise.

In das Jahr 1927, während eines Sommersemesters in Wien, fällt die für das weitere Leben des Jurastudenten entscheidende Begegnung mit Eugenie Schwarzwald, der Pionierin der Mädchenbildung in Österreich. Diese wunderbare Pädagogin hat Hans Deichmann bereits vor einigen Jahren mit einer materialreichen Biographie der Vergessenheit entrissen ("Leben mit provisorischer Genehmigung"; Guthmann-Peterson Verlag 1988), und sie taucht nun auch in seinen Erinnerungen immer wieder auf. Hier erfahren wir, was der Autor der Freundschaft mit "Fraudoktor", wie sie liebevoll genannt wurde, verdankt: "Zuhören; Geduld haben, Vorurteilen aus dem Wege gehen; im Urteil unbestechlich sein; nichts beschönigen (ein deutsches Nationalübel); sein Ziel nicht aus den Augen verlieren, ohne es um jeden Preis sofort erreichen zu wollen; die eigenen Fehler hinnehmen und sie eingestehen; Selbstpersiflage (ein Lieblingswort von Fraudoktor); begreifen, was bedingungsloses, aber zugleich anspruchsvoll es Wohlwollen bedeutet . . .; kurz alles, dessen man bedarf, um ein relativ freier Mensch zu sein."

Im Sommerheim der Schwarzwalds am Grundlsee war es auch, wo sich 1929 die achtzehnjährige Freya Deichmann und der zweiundzwanzigjährige Helmuth James von Moltke, der spätere Kopf des Kreisauer Widerstandskreises, trafen und ineinander verliebten. In einem Gespräch der ZDF-Reihe "Zeuge des Jahrhunderts", das auch in Buchform veröffentlicht wurde ("Die Kreisauerin"; Lamuv Verlag 1992; Neuauflage 1996), hat Freya von Moltke geschildert, wie sie sich während der Rückfahrt zitternd gefragt habe: "Krieg' ich nun einen Brief? Finde ich was in Köln?" Und tatsächlich lag da, als sie ankam, bereits ein Brief - der erste von vielen Hunderten, die sich die beiden bis zu Moltkes Hinrichtung am 23. Januar 1945 schrieben. Einen Teil dieses Briefwechsels hat Beate Ruhm von Oppen uns zugänglich gemacht (Helmuth James von Moltke: "Briefe an Freya 1939-1945"; C. H. Beck Verlag 1988). Man sollte ihn, wenn man diese Erinnerungen gelesen hat, sich noch einmal vornehmen. Denn daraus wird unter anderem deutlich, wie eng die Verbindung des Autors zu seinem gleichaltrigen Schwager Moltke und seiner in Kreisau lebenden Schwester auch noch in den Kriegsjahren war.

1931, nach der Promotion zum Dr. jur., trat Deichmann, mehr der Not als der eigenen Neigung gehorchend, als Lehrling bei der IG Farben in Frankfurt ein - "die stumpfeste und leerste Zeit seines Lebens", wie er bemerkt. Kurz bevor er am 1. Januar 1933 Angestellter mit einem Nettogehalt von 190 Reichsmark wurde, hatte er in einem Speisewagen auf der Fahrt nach Berlin seine erste und einzige Begegnung mit dem kommenden "Führer" des "Großdeutschen Reiches": "Hitler war dreckig, sein Anzug voller Fettflecken, Kragen und Manschetten seines Hemdes beschmutzt, von seinen Händen ganz zu schweigen. Nachdem sie ihr Essen bestellt hatten, wendete sich Hitler an seine Begleiter: ,Dies Mädchen in der Reihe vor mir war schön, nicht wahr? Aber alles, was man von mir will, ist reden, reden und nochmal reden!` Dann assen sie. Hitler essend! Noch ein Grund, um das Weite zu suchen; so zahlte HD seine Rechnung und stand auf . . . Daß ein so schmieriger Mann zwei Monate danach deutscher Reichskanzler sein werde, konnte und wollte er sich nicht vorstellen."