"Good Business is the Finest Art!" Andy Warhol Einer der Bauherren am Potsdamer Platz, die Daimler-Benz-Tochter debis, zeigt in einer Ausstellung, was die Bauarbeiten bisher zutage förderten: einen Stahlhelm mit Schädelstücken, Munition und Hakenkreuze. Bei der Fundamentierung der Friedrichstadt-Passagen stieß man in fünfzig Meter Tiefe gar auf ein Braunkohleflöz.

Aber auch oberhalb ist man vor Überraschungen nicht sicher: Neuerdings ziehen die Baugruben wie magisch Künstler an. In einem für die Berlinale 1996 produzierten Film ("Wüste Westberlin") lassen die alten Kunstberühmtheiten des Charlottenburger Savignyplatzes - Lüpertz, Fetting, Hödicke, Joachimides und Block - noch einmal die heroische Vorwendezeit aus dem Sack: "Wir haben Berlin an den Weltkunstmarkt angeschlossen" und "Die Paris-Bar wurde zum absoluten Muß der Kunstwelt", sagt darin zum Beispiel der Maler Lüpertz.

Ein Gutachten, in Auftrag gegeben vom Senator für kulturelle Angelegenheiten, hatte indes 1994 schon die nächste Kunstgeneration - abseits der Paris-Bar - ins Visier genommen. Lapidar heißt es darin: "Die Stadt fordert die Phantasie der Künstler aufs neue heraus." Die "Stadt" - damit ist vor allem der derzeitige "Aufschwung" gemeint, der atmosphärisch eine über den Bauboom vermittelte dritte Gründerzeit eingeläutet hat.

Schon die erste hatte in Berlin um die Jahrhundertwende eine eigene "Aufbau-Kunst" hervorgebracht: Adolf Menzels "Eisenwalzwerk" beispielsweise, aber auch die weniger bekannten Werke von Gärtner und Hummel. Während der zweiten Gründerzeit wurde von den Künstlern der - diesmal sozialistische - Wiederaufbau der Hauptstadt der DDR verherrlicht: Otto Nagels "Maurerlehrling" und "Polier" an der Baustelle Stalinallee wären hier zu nennen sowie die Werke von Heinz Löffler und Walter Wommaka, der bei den späteren Portraits seiner "Helden der Arbeit" die Pop-art in den Sozialistischen Realismus einführte. Ganze Künstlerkollektive begleiteten die Bauarbeiten.

Was nun die neuen Hauptstadt-Werke angeht, so möchte der Betrachter sie durchgängig als "Krankunst" bezeichnen: Nicht Bauarbeiter oder -ingenieure, also das Humankapital, stehen diesmal im Zentrum des Schaffens, sondern Kräne, Bagger und Betonstahl. Als Leitmotiv dafür könnte eine Nachwendebemerkung des Geisteswissenschaftlers und kurzzeitigen VW-Vorständlers Daniel Goeudevert gelten: Im Mittelpunkt steht der Mensch, aber genau da steht er im Weg!

So ist es auch nicht verwunderlich, daß zuallererst eine arbeitslose Mitarbeiterin der 1993 abgewickelten Westberliner Kunsthalle, Bea Stammer, auf die Idee kam: Sie gründete zusammen mit einer Kollegin, Gabriele Horn, die noch beim Kultursenat beschäftigt ist, die Firma Art Management. Stammer und Horn verfaßten mehrere Konzepte, die sie an große, in Berlin tätige Bauunternehmen schickten. "Es geht darum, Kunst mit Wirtschaft zu vernetzen", so Bea Stammer, der dazu beispielsweise ein "Kranballett" und "Lesungen auf Kränen" (mit Otto Sander) eingefallen waren.

Recht eigentlich begann die Krankunst jedoch bereits mit der Wiedervereinigung und dem dadurch bewirkten Zusammenbruch des gesamtgesellschaftlich gültigen Tarifsystems - was sich schon bald im boomenden Berliner Baugewerbe drastisch bemerkbar machte: Zwar wurde im vereinigten Tarifgebiet Berlin-Brandenburg den Bauhilfsarbeitern zum Beispiel ein Bruttostundenlohn von 15,67 Mark zugestanden, aber englische Arbeiter taten es bald auch für unter 15, portugiesische, sizilianische und spanische gar fü r 5 bis 10 Mark die Stunde, Russen, Ukrainer und Polen für noch weniger.