IDSTEIN. - Wir erinnern uns: Im Sommer 1993 baten die Hutu- und Tutsi-Führer aus Ruanda die Vereinten Nationen um Hilfe. Blauhelme sollten als Polizisten den labilen Friedensprozeß in ihrem Land abstützen. Vergeblich, die Völkergemeinschaft war damals nicht bereit, die dazu notwendigen 50 Millionen Mark für 5000 afrikanische Blauhelme aufzubringen. Die Folge dieses Nichtstuns ist bekannt - der ruandische Genozid mit mehr als 500 000 Ermordeten (zumeist Hutus) und mehr als zwei Millionen Flüchtlingen innerhalb und außerhalb Ruandas.

Heute herrscht in der Hauptstadt Kigali eine von Tutsis dominierte Regierung, die sämtliche Menschenrechte mit Füßen tritt. Beobachter fürchten, daß seit Ende des Blutbades im April 1994 nochmals mehr als 100 000 Menschen Opfer von Racheakten geworden sind. Gleichzeitig mußte die internationale Politik inzwischen lernen, welchen finanziellen Preis ihre damalige Tatenlosigkeit hat: Allein Deutschland hat bis heute mehr als 300 Millionen Mark für humanitäre Hilfsmaßnahmen aufgewendet. Das ist etwa das Sechsfache jener Summe, die ein präventiver und rechtzeitiger Einsatz von Blauhelmen in Ruanda erfordert hätte.

Nun droht ein ähnlicher Genozid im Nachbarland Burundi. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit brennt die Lunte. Aber wer will die Glut sehen, wer tritt das Feuer aus? Niemand, auch niemand in Bonn. Zwar hat der Deutsche Bundestag im Juni 1995 einstimmig Alarm geschlagen und die Regierung beauftragt, mit allen politischen Mitteln ein zweites Ruanda zu verhindern. Doch die "ethnischen Säuberungen" durch Extremisten auf beiden Seiten fordern schon jetzt monatlich mindestens tausend Tote. Präsident Ntibantunganya, als Hutu ein machtloser Gefangener der tutsidominierten Armee, spricht öffentlich vom "völligen Zusammenbruch" des Landes. Die Gewalt eskaliere von Tag zu Tag, schon morgen könnte der Völkermord losbrechen.

In dieser Situation schlug UN-Generalsekretär Butros-Ghali kürzlich dem Sicherheitsrat das einzig Sinnvolle vor: Blauhelme - nicht Nato-Kampftruppen - für Burundi zur Verfügung zu stellen. Doch der Sicherheitsrat lehnte diese Rettungsaktion schlichtweg ab. Der Bürgerkrieg wird also eskalieren - und wenn genug Blut fließt, werden die Medien Horrorbilder verbreiten und Politiker aus aller Welt "mit Abscheu und Entsetzen" verbale Krokodilstränen vergießen.

Das ist, mit Verlaub gesagt, zum Kotzen. Inzwischen scheint die tödliche Ignoranz der Völkergemeinschaft selbst Bundesaußenminister Kinkel zu beunruhigen. Er sollte energisch versuchen, seine europäischen Kollegen doch noch vom Sinn und von der Notwendigkeit eines Friedenseinsatzes in Burundi zu überzeugen. Der Preis der Passivität wäre schrecklich hoch: Tausende, vielleicht Hunderttausende Menschenleben und dann Millionen Dollar für die Nothilfe.

Noch könnte internationaler Beistand den Genozid verhindern. Vorbeugende Politik darf sich deshalb nicht auf Palaver-Diplomatie beschränken. Auch die Medien müssen aufwachen - warum berichtet jetzt niemand über die Greueltaten in Burundi mit ausführlichen Rückblenden vom Blutrausch in Ruanda? Noch - wie lange noch? - gibt es eine Chance für die Menschen in Burundi! Sage niemand, er habe es nicht gewußt!

Werner Schuster ist SPD-Bundes-