Belgrad/Pristina Der Satz fiel zum ersten Mal in Belgrad: "Kosovo ist das Jerusalem des Balkans." Wir hörten ihn im Hauptquartier der Serbischen Erneuerungsbewegung in der Knez Mihailova, und zwar aus dem Munde des Schriftstellers Vuk Draskovic, des Führers der größten serbischen Oppositionspartei. In den Jahren 1989/90 hat er zusammen mit der übrigen Belgrader Intelligenzija das nationalistische Pferd gesattelt, auf dem Slobodan Milosevic dann in den jugoslawischen Krieg stürmte. Noch heute beharrt der Dichter mit dem wallenden Jesusbart darauf, daß überall Serbien ist, "wo serbische Gruben und Gräber sind". Der Südzipfel der Rumpf-Republik, wo zwei Millionen Albaner leben, neunzig Prozent der Bevölkerung, zählt nach seiner Ansicht unbestreitbar dazu.

Daran läßt auch Milosevic nicht rütteln. Im Salon des Präsidentenpalais lehnt er sich breitbeinig in seinem Sessel nach vorn: "Wir betrachten das Kosovo als innere Angelegenheit und werden keinerlei internationale Einmischung dulden. Das Kosovo ist nicht nur ein Teil Serbiens, es ist das Herz Serbiens. Und ich sage Ihnen: Mit der Separatistenbewegung da unten werden wir fertig!" Die Albaner würden unterdrückt? Mit einem weitausholenden Handkantenschlag durch die Luft wischt er das Argument beiseite: "Es gibt zwanzig unabhängige albanische Zeitungen. In einigen sehe ich mich dauernd als Hund karikiert. Keine ist je verboten worden. Sie sind frei . . ."

So reden sie fast alle im Schlagschatten des Kalemegdan, der Festung am Zusammenfluß von Donau und Save. Selbst regimekritische, weltläufige Professoren der Juristischen Fakultät sehen es nicht anders: "Es geht um die Menschenrechte der Individuen, nicht um das Recht auf Sezession!"

Die Kosovo-Frage rührt an den innersten Nerv der Serben. "Dort stand die Wiege Serbiens", platzte es beim Abendessen in Belgrad aus einer klugen, ansonsten unaufgeregten Ärztin heraus. "Und die sollen wir aufgeben? Niemals!" Sie hat zwei Söhne, siebzehn und neunzehn Jahre alt. "In den bosnischen Krieg hätte ich sie nie und nimmer ziehen lassen", sagte sie. "Aber um das Kosovo werden sie kämpfen."

Die Diplomaten in ihren baumumstandenen Villen des Uzicka-Viertels wissen, daß sich da Gefährliches zusammenbraut. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Explosiv nennen sie die Lage. Zwei Millionen Albaner im Kosovo, die auf ihre Unabhängigkeit drängen, dürfe man nicht unterschätzen. "Da tickt eine Zeitbombe." Koche die Kosovo-Frage, über die schon das alte Jugoslawien zerplatzt ist, nun hoch, könne der ganze Balkan in Flammen aufgehen; schließlich lebten außer den 3,4 Millionen im eigentlichen Albanien Hunderttausende von Albanern auch in Südserbien, in Montenegro, in Makedonien. Bulgarien und Griechenland sind nicht ganz unbeteiligte Zuschauer. Wenn die Dinge an einer Stelle ins Rutschen kommen, entsteht Einsturzgefahr für die ganze Region. "Die Albanische Frage driftet langsam an die Spitze der Tagesordnung", befand ein westeuropäischer Diplomat. "Sie wird den Anfang des 21. Jahrhunderts beherrschen."

Szenenwechsel: im Minibus bei Eisregen in das Kosovo. Vorbei an Kragujevac, Schauplatz deutscher Untaten im Zweiten Weltkrieg. Kurzer Halt in Nis, Schauplatz türkischer Greuel zu Beginn des 19. Jahrhunderts; an der alten Ausfallstraße Richtung Konstantinopel steht noch der Cele Kula, ein Turm, errichtet aus den Schädeln Tausender von

grausam hingemetzelten serbischen Rebellen gegen die osmanische Fremdherrschaft. Im Dunkeln Straßenkontrolle beim Übertritt in das Kosovo, dem Milosevic 1989 den Status als "gleichberechtigte Einheit" neben den fünf Teilrepubliken des alten Jugoslawiens entzog; seitdem herrscht Ausnahmerecht. Nächtliche Einfahrt in die Gebietshauptstadt Pristina: Ein Polizist stoppt den Minibus. Er moniert, daß die Insassen nicht ordnungsgemäß angeschnallt sind, und verhängt eine Geldbuße, zahlbar sofort: zwanzig Mark. So merkt der Fremde gleich, worauf es im Kosovo ankommt: auf die serbische Miliz und die deutsche Mark.