Erst Rugby-Weltmeister, jetzt Meister von Afrika im Fußball. Dieses war der zweite Streich. Und wieder gleicht Südafrika einem Tollhaus. Millionen von Schwarzen tanzen Samba. Und selbst Weiße, die soeben erst die Abseitsregel begriffen haben, stimmen ein ins nationale Heldenlied: Viva Bafana Bafana, viva! Hoch leben unsere Jungs! Der Vollmond lugte vorsichtig über den Rand des Stadions von Soweto und wunderte sich: Da standen Nelson Mandela, der schwarze Präsident, Frederik de Klerk, sein weißer Vize, dazwischen Kapitän Neil Tovey mit dem Pokal und rundherum 85 000 Menschen in Ekstase. Fußball, das Opium fürs Volk, versöhnt das zerrissene Land. Wir sind wieder wer! Vorbei die finsteren Zeiten der Apartheid, vergessen die Schmach des internationalen Sportboykotts.

Die Regenbogen-Elf, angetreten als Außenseiter, spielte alles, was in Afrika Rang und Namen hat, an die Wand. 3 : 0 gegen Ghana. Im Finale 2 : 0 gegen Tunesien. Mit britischer Abwehr und brasilianischem Sturm. Und mit einem zwölften Mann, für den sich jeder die Lunge aus dem Leibe rannte: Nelson Mandela.

Nun greifen die Funktionäre nach den Sternen: Die Weltmeisterschaft 2006 muß her. Die wollen die Deutschen auch. Um den Südafrikanern den dummen Gedanken auszureden, waren sie vor einigen Wochen unter der Führung von Rasenmarschall Mayer-Vorfelder ans Kap gejettet. Klinsi dribbelte politisch korrekt durchs Township, Bundesberti lobte die schwarzen Perlen, und der DFB verschenkte ein paar Lederbälle. Am Ende gab's noch ein nettes null zu null im Ländervergleich. Aber die Südafrikaner zeigten Spielzüge, die selbst die Süddeutsche Zeitung verwirrten. So etwas habe man in Europa seit Jahren nicht mehr gesehen. Sogar Andi Möller, der nicht so recht wußte, wer eigentlich dieser Mandela ist, mag ahnen, daß da eine neue Fußballgröße heranwächst.

Die Südafrikaner halten sich längst für eine Fußballmacht. Von den Funktionären aus Deutschland werden sie sich jedenfalls nicht so leicht austricksen lassen. Sie haben alles, was man für eine Weltmeisterschaft braucht: Millionen von Fans, prächtige Stadien, eine moderne Infrastruktur. Kein anderes Land in Afrika kann das bieten. Außerdem hat dort noch nie eine WM stattgefunden. Und: Die Zukunft des Fußballs ist schwarz. Sagt Pélé. Bei der nächsten Weltmeisterschaft werden schon fünf statt drei Teams aus Afrika mitspielen.

2006 also am Kap? Herrn Havelange, dem unfehlbaren Fifa-Papst, gefällt die Idee. Ach, hätte er nur die Trauerspiele in Südafrika ohne Südafrika gesehen! Zaire gegen Liberia (inklusive George Weah, Weltfußballer 1995): 200 Leutchen in einem Stadion für 80 000 - ein Jammer. Die Gründe: zu teure Tickets, schlappe Werbung, keine Transportmittel aus den Townships, dazu Safa, der unfähige, korrupte Fußballverband. Mit einem solchen Haufen ist kein Blumentopf zu gewinnen.

Viva Bafana Bafana! Die Jungs waren brillant. Aber hinter der Jubelkulisse bei ihren Galaauftritten wirkte das große Fest mitunter so traurig wie, sagen wir, ein Spiel in irgendeiner Bezirksliga irgendwo in Niedersachsen.