Dreiundachtzig Minuten gespielt im Müngersdorfer Stadion . . . und vor wenigen Minuten, da dachte sich der Flohe, den läßt du dir nicht zweimal geben, zieht ab aus . . . na was? . . . gut und gerne zwanzig Metern, eine Bogenlampe . . . und das Leder senkt sich über den viel zu weit vor seinem Kasten postierten Kargus, und . . . tja, liebe Fußballfreunde . . . es heißt drei zu zwei für den FC, der nun Auftrieb bekommen hat, Cullmann . . . kommt über die linke Seite, an Nogly vorbei, an Steffenhag en - aber da bleibt er hängen . . . Freistoß - Was ist? (Tor!, Tor!) Ich höre . . . Was . . .? Jochen Hageleit? Tor in Düsseldorf? Zurück ins Funkhaus.

Ich war dreizehn und wusch das erste Auto meines Lebens; ein roter Kadett, funkelnagelneu, Baujahr 77. Aus dem Transistor dröhnte die Stimme von Werner Hansch. Und der FC spielte gegen den HSV. Kein ernsthafter Gegner für den FC, keine Probe für Zauberzehe Flohe, für Cullmann, Konopka und natürlich für Wolfgang Overath in seiner letzten Saison. Der Kadett gehörte unserem Nachbarn, den ich kaum kannte. Aber er besaß das Radio und damit Werner Hansch und den FC.

Auch mein Vater besaß ein Auto, einen alten VW-Bus - aber der wurde nie gewaschen. Und mein Vater, meine Mutter, meine ganze Familie verabscheuten Fußball. Das war allenfalls etwas für Doofe, für Leute wie unseren Nachbarn. Doch hier hinter der Garage galten andere Gesetze. Der FC spielte um sein Leben, zumindest um einen Uefa-Pokal-Platz. Noch sieben Minuten zu spielen; weiße Schlieren von Seifenschaum verliefen über den Kotflügel, das rote Blech glänzte in der Samstagnachmittagssonne.

Die Welt ist älter geworden seitdem. Ich verlor den Glauben an den Fußball, der FC kämpft gegen den Abstieg, und Sportreporter bin ich auch nicht geworden. Allein, allen Freundinnen zum Trotz, kein Samstagnachmittag bleibt ohne Fußball im Radio, den sonoren Baß von Werner Hansch, die kumpelnde Launigkeit eines Manfred Breuckmann, die schneidende Dramatik von Sabine Töpperwien, die souveräne Übersicht von Alexander Bleick. Stimmen, gespickt mit Phantasien: klirrende Kälte im Stadion; packende Szenen auf dem Rasen; am Spielfeldrand der Reporter, allein mit dem Mikrophon, die Fellmütze auf dem Kopf, den heißen Glühwein in den Händen . . .

Die Welt ist wärmer, wenn man sie aus einem Kasten betrachtet. Draußen im weiten Rund des Volksparkstadions frieren 55 000 Fans, eingepackt in Mäntel, Jacken und Schals. Aber hier, in der Sprecherkabine des NDR, ist es eng und heiß.

Die Mannschaften werden vorgestellt. Um den Rasen herum wuseln die Kameramänner von Premiere für die Fernsehliveübertragung. Neben mir am kleinen weißen Pult studiert NDR-Hörfunkreporter Alexander Bleick den geplanten Sendeablauf. Neben seinem Haussender bedient er noch den WDR, Radio Bremen, den Saarländischen Rundfunk, den Hessischen Rundfunk und den SFB. Er kontrolliert die Aufstellungen und vergleicht die aktuelle Besetzung mit der Vorgabe des Sportinformationsdienstes. Auf einem Blatt, einem Miniaturspielfeld, klebt für jeden Spieler ein Etikett mit Rückennummer und besonderen Kennzeichen. Indessen steht Kollege Albrecht Breitschuh unten auf dem Feld und bemüht sich um Interviews.

Jetzt geht's los. Die Hymne "Conquest of Paradise" posaunt durchs Rondell, und die Gladiatoren betreten den Rasen. Braunweiße St.-Pauli-Spieler und blaue HSVler scharen sich um den Mittelkreis. Das Spiel beginnt mit einer dreiminütigen Verspätung, und Alexander Bleick verständigt die Funkhäuser über die Zeitverschiebung im Sendeplan. Kurz darauf gibt er das Schneidekommando für den Saarländischen Rundfunk, der exakt eine Minute später auf Sendung geht. "Drei Minuten gespielt im Hamburger Volksparkstadion, und es herrscht eine tolle Stimmung . . ." Viel zu erzählen gibt es nicht. Auf dem Feld ist nahezu nichts passiert. Der Spieler Spörl liegt auf dem Rasen und hält sich das Schienbein. Alexander Bleick vollbringt sein erstes Meisterstück und räsoniert eine ganze Minute über die Trikotfarbe.