In seinem zweiten Regierungsjahr, dem Jahre 1645 christlicher Zeitrechnung, beglückte der Mandschu-Kaiser Shun-chih seine chinesischen Untertanen mit der längst überfälligen Reform ihres jahrtausendealten Sonne-Mond-Kalenders. Abgezeichnet war das Werk mit dem Siegel des Dr. T'ang Jo-wang, der, gewissermaßen nebenberuflich, Jahresanfang, Monate, Schaltmonate und Tage in dem komplizierten System wieder an die richtigen Stellen gerückt hatte. Außerdem arbeitete der Tausendsassa noch als Baumeister, politischer Berater, Ingenieur, Buchautor und Kanonengießer. Im Hauptberuf war er Missionar der Gesellschaft Jesu, hieß eigentlich Johann Adam Schall von Bell und war "ne echte kölsche Jung".

Seine außergewöhnliche Karriere begann er am Tricoronatum, dem Kölner Jesuitengymnasium. Als er Ende Mai 1608, eben erst sechzehn geworden, in Rom vor dem Germanicum vom Pferd steigt und mit einer Empfehlung seiner Kölner Lehrer um Aufnahme in die jesuitische Kaderschmiede für den deutschen und ungarischen Priesternachwuchs bittet, gibt es Ärger. Wie man doch wisse, schreibt der Direktor nach Köln, müßten die Schüler das siebzehnte Lebensjahr vollendet haben und schon "wie Männer" aussehen. "Ein so kleines Jüngelchen" wie den Johann Adam könne man nicht brauchen. Auf Fürsprache des Herzogs Ferdinand von Bayern, Koadjutorbischof in Köln, darf Schall dennoch im selben Jahr den roten Talar der "Germaniker" überziehen, wegen der "großen Verdienste des ganzen bayerischen Hauses um die Gesellschaft Jesu".

Nach dreijähriger Ausbildung ist aus dem "Jüngelchen" im Urteil seiner Lehrer ein optimus iuvenis - ein vortrefflicher junger Mann geworden. Er tritt in den Orden ein und zieht in das Novizenhaus St. Andrea. Die Jesuitenschüler studieren keineswegs nur Theologie. Schon Ignatius von Loyola, der Gründer der Gesellschaft Jesu, hatte erkannt, daß die Hingabe an die Wissenschaften "Gott unserem Herrn für die Zeit der Studien nicht weniger, sondern mehr gefallen" werde als geistliche Übungen. Als Arbeitshypothese, mit der manche Erscheinungen sich erklären ließen, ist auch die neue Lehre von der Drehung der Erde um die Sonne Gegenstand des naturwissenschaftlichen Unterrichts bei den Jesuiten. Noch stehen sie in regem wissenschaftlichem Austausch mit den Astronomen Kepler und Galilei.

Um diese Zeit hört man in Europa von großen Erfolgen der jesuitischen Missionare in China. Die Errungenschaften der europäischen Mathematik, Astronomie und Geographie sind die Köder an den Angeln der Seelenfischer. Schon gibt es Christen unter den hohen Hofbeamten. Man hofft, es werde in absehbarer Zeit möglich sein, aus China ein katholisches Land zu machen. Zweierlei allerdings sei nötig: Man brauche größere Freiheit bei der Akkomodation, das heißt bei der Anpassung der christlichen Riten an traditionelle chinesische Vorstellungen, und man brauche mehr junge, hervorragend ausgebildete Naturwissenschaftler unter den Missionaren.

Ein päpstliches Dekret vom 27. Juni 1615 erlaubt den Gebrauch des Chinesischen in der Liturgie - in Europa wird die katholische Messe, gegen erbitterten Widerstand der Traditionalisten, erst seit dem zweiten Vatikanischen Konzil 1962/65 in den Volkssprachen gelesen -, und am 16. April 1618 segelt Johann Adam Schall von Bell an Bord des guten Schiffs Jesus aus dem Hafen von Lissabon seiner ungewöhnlichen Karriere entgegen, zusammen mit 21 jungen Mitbrüdern.

Goa, das "Rom Asiens" an der westindischen Küste, mit seiner gewaltigen Barockkathedrale, den Missionshäusern und Hospitälern, erreichen sie am 4. Oktober, nach einer ungewöhnlich schnellen Reise, wie die Berichte hervorheben. Dennoch starben in ihrem Verlauf dreißig Mitglieder der Besatzung und fünf Missionare am gefürchteten Guineafieber.

In Goa hat man inzwischen erfahren, daß sich die Zustände in China gründlich geändert haben. Dort hatten, nach dem Tod des klugen Gründers der chinesischen Kirche, des Paters Matteo Ricci, einige Missionare im Glauben an den unmittelbar bevorstehenden Triumph des Kreuzes die gebotene Zurückhaltung aufgegeben und öffentliche Messen gefeiert, bei denen sie die ganze Pracht der römischen Kirche entfalteten. Die Stimmung in China schlug um: Die Jesuiten wurden verbannt und die Grenzen geschlossen.