Kapstadt Die Zeit der schönen Worte ist vorbei, und der Präsident ist kein "Mister Nice Guy" mehr. So spitzte eine Schlagzeile die Rede Nelson Mandelas zur Parlamentseröffnung in Kapstadt zu: seine dritte seit dem Machtwechsel 1994 und die erste, in der er seine harmonieverwöhnten Landsleute mit harten Worten irritierte. Die Quintessenz: Das neue Südafrika kann nicht gedeihen, "wenn die Reichen in unserer Gesellschaft die Armen nur als Horden von Unruhestiftern betrachten und wenn sich die Armen nur zurücklehnen und Wohltätigkeit erwarten".

Der Wirtschaft am Kap geht es so gut wie seit Jahren nicht mehr, und schon schleicht der kollektive Schlendrian durchs Land. Die weiße Minderheit zehrt von ihrem Wohlstand und lebt nach dem Motto "Wir sind noch einmal davongekommen". Die schwarze Mehrheit schätzt die neuen Rechte, schmäht aber, wie in alten Boykott-Tagen, die Pflichten: Strom und Miete zahlen? Wozu? Wir haben lange genug gelitten.

Arbeitslosigkeit (vierzig Prozent), Wohnungsnot, Schulmisere, Gewaltexzesse: Die Problemgebirge sind zweieinhalb Jahre nach der Wende nicht kleiner geworden. Vor allem die weltrekordverdächtige Verbrechensrate ist unterdessen zum größten Investitionshemmnis geworden.

Mandelas Appell ist den Deutschen wohlbekannt: Ärmel hochkrempeln! Anpacken! Die Beschwörung kommt just in einer Zeit, da sich auf der Fassade der Versöhnung Kapillarrisse zeigen. Zwei Exempel: Weiße Rassisten verwehren schwarzen Kindern den Zugang zu Schulen. Schwarze Rassisten wollen weiße Ärzte aus den Townships jagen.

Versöhnung steht daher ganz oben auf der Agenda der Regierung. Eine Kommission hat begonnen, die Verbrechen im Kampf für - und gegen! - die Apartheid aufzuarbeiten. Um die Wunden zu heilen, verordnet Mandela "neuen Patriotismus". Einigkeit macht stark. Der Beweis: Südafrikas schwarz-weiße Fußballelf, die soeben Afrika-Meister wurde.