MÜNCHEN. - "Ihr sehr verehrten Ritterdammen! Und all ihr g'stand'nen Rittermannen! Ich grüße Euch von dieser Stelle zum zünftigsten der Münchner Bälle." So beginnt jedes Jahr einer der Höhepunkte des Faschings, der "Ball der Damischen Ritter". "Damisch" bedeutet im bayerischen keinesfalls "dumm", eher schon "a bisserl albern und vielleicht auch töricht sowie vor lauter Jux und Tollerei schwindlig im Hirn".

Dementsprechend geht es auch im "Löwenbräukeller" zu, wenn die "Gesellige Vereinigung der Turmfalken" auf ihren Ball bittet. Ihren Namen leiten die Turmfalken von einem Turmstüberl in der Löwenbrauerei her, wo sich "der grundsätzliche Männerverein" seit fast siebzig Jahren regelmäßig donnerstags abends trifft - "zur Pflege der Geselligkeit, des Humors und des Gesanges".

Die Tradition der "Damischen Ritter" mit ihren Bällen beginnt in den ersten Nachkriegsjahren: "Die Leute hatten kein Geld für Kostüme, und es gab ja auch nix", beschreibt der damische Burgmarschall Dagobert Dohn jene Jahre. "Da haben wir Turmfalken uns gedacht, als Ritter kann sich jeder verkleiden: einen Kartoffelsack als Kettenhemd, den Suppentopf als Helm, einen Kochlöffel als Schwert, das Nudelholz als Morgenstern. Und schon hatten wir die Idee zu den Damischen Ritterfesten geboren."

Dramaturgischer Höhepunkt jedes Balls war damals wie heute das jährlich neu verfaßte "Damische Ritterstück", ein gut viertelstündiges Epos aus dem ebenso ritter- wie literlichen Leben des Herzogs Kasimir, des damischsten aller Damischen Ritter. Dabei wird ebenso schön falsch wie schön laut getannhäusert und mit deftigen "Reim dich oder ich fress' dich"-Versen gealbert, so daß das Publikum nur mit etlichen Schluck Bier die schwere Kalauerkost hinunterspülen kann, was die Witze aber gleich noch viel witziger macht. "Es darf über alles gelästert und gelacht werden, nur nicht über Politik und Religion", erklärt Turmfalke Peter Bosse die selbstauferlegte Maxime der Ritter, die, damisch, wie sie sind, bei passender Gelegenheit natürlich vergessen wird.

Heuer handelt das Ritterspiel von der durch die vielen Reisen Kasimirs ("mehr als der Papst") und durch plündernde Finanzbeamte chronisch leer gewordenen Burgkasse. Die Situation ist so schlimm, daß sich die darbenden Ritter nicht mal mehr eine Maß Bier, geschweige denn eine vom "Rinderwahnsinn befreite Schweinshaxe" leisten können. Kasimir ist deshalb nach China gereist, um mit seinem Freund, dem Mandarin Ming Ping Pong über die Lieferung von angeblich billigerem Löwenbräu-Bier aus dem Reich der Mitte in den "Löwenbräukeller" mitten in München zu verhandeln. Woraus sich, man ahnt es schon, "Verzwicklungen von shakebier'schem Ausmaß" ergeben, zumal die Ritter nicht bereit sind, die horrenden Forderungen des ebenso schlitzäugigen wie schlitzohrigen Geldeintreibers Wai Gel zu bezahlen.

Ebenso damisch wie das Ritterstück selbst sind auch die Kostüme und da vor allem die Helme der Ritterrunde. Denn auf umgedreht aufgesetzten Spatzelseihern oder blechernen Schüsseln tummeln sich zwischen wikingerhaftem Ochsengehörn kunstvollste Arrangements aus der Kitschwelt: Von der Kuckucksuhr bis zur Mickymaus kann sich praktisch alles, was nicht zusammenpaßt, auf so einem Ritterhelm niederlassen: die Klobürste als Federbusch, ein Vogelkäfig, in dem ein Plastikgoldfisch hängt, ein komplettes Kettenkarussell im Minimaßstab.

Noch vor ein paar Jahren gab es sogar einen ungeschriebenen Kostümzwang für die Ballbesucher. Man mußte sich schon als Kunibert mit hölzernem Schwert, als Burgfräulein oder Schloßgespenst einkleiden, um ins Reich der Ritter zu gelangen. "Heute können wir da nicht mehr so streng sein, die Männer erscheinen in Ringelpullover und die Mädels in Netzstrümpfen, wie zu jedem anderen Ball auch", meint Peter Bosse. Und die Damischen Ritter müssen froh sein, wenn die Ringelpullimänner und die Netzstrumpfmädels überhaupt noch kommen, denn die allseits beklagte, aber nirgends behobene Münchner Faschingsmuffigkeit hat auch vor ihrem Ball nicht haltgemacht.