Allein unter Italienern

Madonna mia, was gibt es für Pelze - kurze und extrem lange, matt getönte und seidig schimmernde, teure und sehr teure. Die Nerzparade, die sich zu bestimmten Tageszeiten durch den Ort bewegt, könnte sich - wenn sie nicht unter Garantie einen Aufschrei provozierte - an allen urbanen Knotenpunkten der Eleganz sehen lassen. Hier jedoch regt der Anblick, der jedem Schutzengel der Pelztiere die Flügel beben lassen müßte, keinen auf. Die Mink-Orgie hat schließlich eine Funktion. In über fünfzehnhundert Meter schneebedeckter Höhe sehnen sich nicht nur Damen gelegentlich nach etwas Wärme.

Im übrigen ist Madonna di Campiglio weitaus mehr als nur ein Laufsteg für pelzverbrämte Eitelkeiten. Wo in diesem Winter schon oft die europäischen Schneerekorde gebrochen wurden, wird auch Sport getrieben. Die Voraussetzungen dafür sind ideal. Die Brenta-Dolomiten im Osten und die Berge der Adamello-Gruppe im Westen garantieren Schnee bis in den April. Die Sonne tut ein übriges, um die sportlichen Instinkte zu wecken. Ihre Strahlen finden trotz der bis zu dreitausend Meter hohen Bergumrandung den Weg ins Rendenahochtal.

Die Natur hat den Ferienort in der Provinz Trentino reichlich bedacht. Weil auch der Après-Ski eine Menge Reize bietet, hat Madonna di Campiglio in Italien einen Ruf wie anderswo Sylt oder Cape Cod. Ein Mekka für Adabeis, für Leute, die sehen und gesehen werden wollen. Allerdings geschieht das in italienisch-menschlichem Rahmen. Wer ein Geschmacksidyll und die perfekte Stilkulisse sucht, ist fehl am Platze. Zum Ambiente gehören Spielsalons ebenso wie Schaufenster mit einem großen Angebot an Kitsch.

Allein unter Italienern muß oder darf sich der Gast aus dem Ausland fühlen. Ganze sechs Prozent der Besucher Madonnas kommen von jenseits der Grenzen. Früher sollen es schon einmal mehr, vor allem mehr Deutsche gewesen sein. Vielleicht blieben sie weg, weil sie vergeblich internationales Flair oder verständliche Produkte in Buchhandlungen und Zeitungsläden suchten. Vielleicht litten sie unter Verständigungsschwierigkeiten, obwohl selbst mit einem begrenzten Wortschatz - pista, polenta, grappa etwa - niemand auf das Lebensnotwendigste verzichten muß; sogar der politische Dialog mit den oft monolingualen Einheimischen erweist sich als möglich, denn die Lautstärke der Verwünschungen über Italiens Politiker kann oft mehr sagen als Worte. Möglich ist schließlich auch, daß die Fremden in den Bergen schlicht italienischen Charme und südländische Lebensart vermißten.

Italien kalt, das erinnert in der Tat nicht immer an das Land, wo die Zitronen blühn. Die Bergmenschen halten nun einmal nicht viel von der geschmeidigen Verbindlichkeit und den schmachtenden Blicken, die in Riccione oder Rimini zur Standardausrüstung der Gastgeber gehören. Schon gar nicht im Rendenatal. 'n Rendena siori no ghe regna! heißt dort von altersher die Devise: Im Val Rendena regieren keine Herren. Zu dieser Einstellung paßt, daß die Talbewohner - der Legende nach - im fünften Jahrhundert den mächtigen Bischof von Trient ermordeten. Heute manifestiert sich die Tradition der Unbotmäßigkeit gelegentlich in einem unwirschen Kellner oder im Ellbogencheck beim gutbesuchten Corso auf der Hauptstraße.

Italien kalt, das heißt aber auch erstaunliche Effizienz und nahtlose Organisation. Die tedeschi mit ihren Vorurteilen können nur staunen, wie die Skimaschinerie in diesem prestigeträchtigen Wintersportort funktioniert. Dabei fehlte die Eingewöhnungszeit, wie sie vergleichbare Touristenhochburgen in Österreich oder gar der Schweiz genossen. In Madonna di Campiglio tauchten zwar schon nach dem Ersten Weltkrieg Skifahrer auf, aber der richtige Pilgerzug in den Schnee begann erst in den fünfziger, sechziger Jahren. Heute dürften die 975 Einwohner eine der wohlhabendsten Gemeinden Italiens bilden, denn sie beherbergen im Jahr - Bergsteiger im Herbst, Spaziergänger, Angler und Golfer im Sommer eingeschlossen - rund 150 000 Gäste mit 1,7 Millionen Übernachtungen.

Von Gewühl ist dennoch nichts zu spüren. In Madonna braucht keiner die Madonna anzurufen, um auf die Berge zu gelangen. Warteschlangen sind unbekannte Wesen an den Talstationen. Vier Kabinenbahnen, fünfzehn Sessel- und zehn Schlepplifte befördern pro Stunde 30 000 Menschen auf die Höhenlagen. Das geht so schnell, daß weder für Vorfreude noch für vorauseilende Angstausbrüche genügend Zeit übrigbleibt.

Allein unter Italienern

Allein die Qual der Wahl macht den Skifahrern zu schaffen. Wer noch vor ein paar Jahrzehnten Dreitausender mit Fellen unter den Skiern erklommen hat, kann sich nur wundern über das heutige Tempo nach oben. In Madonna braucht er nicht einmal weit zu laufen, um auf die Hänge zu kommen, denn an mehreren Stellen geht es direkt vom Ortskern aufwärts. Auf der Adamello-Seite bietet sich als Einstieg die Kabinenbahn zum Rifugio Panangelo (2300 Meter) an. Aber Vorsicht ist geboten! Von der 2,5 Kilometer langen, sanften Abfahrt zweigt irgendwann die Strecke ab, auf der in jedem Dezember der Weltcup "3 Tre" im Riesenslalom ausgetragen wird. Und der sollte dann doch lieber den Professionellen oder denen überlassen bleiben, die sich dafür halten.

Viele besonders schöne der insgesamt neunzig Kilometer langen Pisten schlängeln sich von den Dolomiten ins Tal. Einige davon mäandern allerdings ganz und gar nicht. Vor der Benutzung der Direttissima vom Monte Spinale (2093 Meter) ist beispielsweise ein leichtes Stoßgebet angebracht. Es scheint meistens erhört zu werden. Nicht nur ist die Strecke (wie alle anderen auch) in tadellosem Zustand, es kommen einem bei dem Abenteuer auch kaum kraftstrotzende Deutsche und schon gar keine todesmutigen Engländer in die Quere. Garantiert ungestörten Genuß bietet der Passo Grosté (2500). Schon die Kabinentour dorthin wird zum Erlebnis. Das gilt besonders bei blauem Himmel und Sonnenglanz, die in Madonna selbst im Februar keine Ausnahme sind. Runter geht es dann gemächlich, über mehr als drei Kilometer und durch schweigenden Wald.

Wen es nach noch mehr Geruhsamkeit gelüstet, der kommt im Campo Carlo Magno auf seine Kosten. Der Sage nach soll dort einst Karl der Große sein Lager aufgeschlagen haben. Heute ziehen an dem historischen Ort die Langläufer ihre Kreise. Sie können sich in Madonna 35 Kilometer lang in Loipen bewegen, und Experten behaupten, es seien die besten in ganz Italien.

Eisstadion, Hallenbad und - begrenzte - Spazierwege runden das Angebot zur körperlichen Ertüchtigung ab. Die größte Attraktion bleibt jedoch die Natur. Der Parco Naturale Adamello Brenta umschließt den Ort wie eine Girlande. Bären, Auerhähne und Murmeltiere sollen dort ihr Zuhause haben. Auf den Pisten sind sie freilich nicht zu sehen. Nur vielerlei exotische Spuren im Tiefschnee - und die Speisekarten der örtlichen Gastronomie - deuten auf den Wildreichtum der Umgebung hin.

Gegessen wird ohnehin gut im Trentino. Im Bindeglied zwischen Südtirol und der Lombardei mischen sich die Kulturen. Das bekommt auch der Küche. Leichtes - Antipasti und Pasta - und Schweres - Polenta und Tiroler Speck - harmonieren nach getaner Pistenarbeit. Den Rest erledigt der Grappa. Er mag auch dabei helfen, gelegentliche Kargheiten der Unterkünfte besser zu ertragen. Jedenfalls halten nicht alle Hotelfassaden entlang der anheimelnden Gassen des Ortes, was sie versprechen.

Vielleicht sind aber auch nur die Ansprüche nördlich der Alpen etwas höher als die im Süden. Unter dem guten Dutzend Viersternehäuser werden immerhin die nuovi ricchi im "Palais des Alpes" eine geschmacksgemäße Herberge finden, freilich zu horrenden Preisen. Wer auf freundlichen Service und exzellente Küche Wert legt, wird sich im "Miramonti" oder im "Savoia Palace" wohl fühlen. Wohl fühlen dürften sich Familien mit kleinen Kindern im eleganten "Golfhotel", weil sich vor dessen Türen ein adäquates Skiparadies auftut.

Aber Madonna di Campiglio unterhält nicht nur mit seinen Pisten. Im Eldorado des italienischen Ski-Jet-sets gibt es auch ein Leben nach der Abfahrt. Davon profitieren zumal die vielen exklusiven Läden. Madonnas Ruf, gepaart mit seinen Möglichkeiten zu teurem Shopping, ist ein Magnet für bessergestellte Italiener. Inzwischen lassen sich auch neureiche Russen und kroatische Kriegsgewinnler in dem abgelegenen Bergdorf sehen. Die örtlichen Geschäftsleute wissen den exotischen Besuch zu schätzen.

Allein unter Italienern

Das Nachtleben hingegen bleibt italienisch geprägt. Das erweist sich schon an den Öffnungszeiten der Clubs und Diskotheken. Sie zeugen von mediterranen Lebensgewohnheiten, denn meistens tanzt hier erst nach Mitternacht der Bär. Zur mitteleuropäischen Cocktailstunde aber muß sich der Fremde an der Bar oft einsam fühlen. Sein neidvoller Blick kann dann auf die italienischen Gäste fallen, die sich im abgeschotteten Freundes- oder Familienkreis Palaver und Gesellschaftsspielen hingeben. Gelegenheit zu intensiverem Kontakt aber ergibt sich in den Schneekatzen. Wenn Arnoldo die Gäste in seinem Raupenfahrzeug zum nächtlichen Mahl auf die Berge fährt, sorgt schon die Enge für europäische Intimität.

In Gruppen scheinen die Italiener ohnehin gern in den Schnee zu verreisen. Ob Lions, Apotheker oder Kardiologen - der rührige Touristikdirektor Gastone Rossi nennt nicht ohne Stolz die spesenbewehrten Scharen, die seine Gemeinde beehren. Einmal im Jahr bringen sie gar nostalgischen Glanz in die Berge. Beim Carnevale Asburgico im ehrwürdigen Jugendstilsaal des Malers Gottfried Hofer feiert die k. u. k. Monarchie fröhliche Auferstehung. Unter den huldvollen Blicken von Sisi und Franz Joseph tanzen die Ballgäste in zeitgenössischen Kostümen und vergessen, daß einstmals Feindschaft mit den Herrschaften bestand. Die Dorfbewohner wollen sich daran ohnehin nicht erinnern. Sie sind dankbar, daß ihnen - einem Ondit zufolge - der Kaiser höchstselbst nach einem seiner Sommerbesuche einen illegitimen Sohn hinterließ. Der Sproß, genannt Franz Joseph Österreicher, baute nicht nur den Hofer-Saal, er säte auch den ersten touristischen Samen im Rendenatal.

Glückliches Österreich, pardon, Italien, das an diesem Ort von den Vorzügen zweier Welten lebt. Allein unter Italienern Ski zu fahren mag zwar gelegentlich zum Autismus führen, aber es hat seine Reize. Verschont von Gipfelstürmern, Jagertee und Berggesängen können sensiblere Skifahrer ihren Urlaub entspannt genießen. Neben all den anderen Attraktionen werden sie in Madonna die Campiglio vor allem fast immer das finden, was sie zur Freude und Erholung am dringendsten brauchen: Schnee.

Informationen:

Unterkunft: Je nach Ausstattung der Hotels kosten sieben Tage Vollpension bis Ende März für eine Person im Doppelzimmer von 500 Mark an. Für den Zeitraum vom 31. März bis zum 10. April muß man für sieben Tage Vollpension mit mindestens 1100 Mark rechnen. Der Skipaß für sieben Tage kostet umgerechnet 210 Mark.