Seit vergangenem Herbst hat Bosnien ein neues Muster der Konfliktlösung: Sobald die Kriegsparteien querschießen, kommt der Sheriff aus Amerika herbeigeritten - geradewegs in die Präsidentenbüros von Belgrad, Zagreb und Sarajevo. Ruppig und drastisch, wie es seine Art ist, zwingt er die Streithähne auf den im Saloon von Dayton vereinbarten Kurs. Die Parteien geloben heuchlerisch Besserung, und der Sheriff kehrt nach Amerika zurück. Bis zum nächsten Ritt über den Balkan.

Richard Holbrooke ist auch diesmal nicht erfolglos gewesen. Der amerikanische Vermittler hat mit den Muslimen eine neue Regelung zur Verhaftung von mutmaßlichen Kriegsverbrechern ausgehandelt. Derweil versuchte Nato-Generalsekretär Javier Solana die aufgepeitschten Emotionen in Mostar zu bändigen. In Zagreb knetete Bundesaußenminister Kinkel die widerspenstigen Kroaten. Doch nach dem Besuch der Prominenten wird erneut deutlich, daß Tagesreisen westlicher Politiker auf die erregten Kriegsparteien nur wie Baldriantropfen wirken.

Das Friedensabkommen von Dayton ist in Gefahr. Extremisten aller drei Volksgruppen in Bosnien haben gegen die verhaßten Vereinbarungen Front gemacht. Es war nie ihr Frieden gewesen. Serben, Muslime und Kroaten verstoßen laufend gegen das von ihren Führern vor zwei Monaten unterschriebene Abkommen. Militärische Verabredungen setzen sie nur mit Verzögerung um; die zivilen Teile blockieren sie. Verträge gelten ihnen nichts.

Bei den bosnischen Serben überrascht diese Einstellung am wenigsten. Obgleich die Fristen für den Gefangenenaustausch längst abgelaufen sind, halten sie nach Aussage des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes noch immer 700 muslimische Zwangsarbeiter fest. In der vergangenen Woche haben sie die Verhaftung von acht serbischen Soldaten, darunter zwei mutmaßlichen Kriegsverbrechern, durch muslimische Miliz zum Vorwand genommen, um die Beziehungen zur bosnischen Regierung und zu der von der Nato geführten Friedenstruppe Ifor abzubrechen. Obgleich die Kontakte zur Nato wiederhergestellt sind, bleibt das Verhältnis zur bosnischen Regierung gespannt.

Nach zwei Monaten scheinbar einsichtigen Schweigens haben die als Kriegsverbrecher angeklagten Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic wieder das Haupt erhoben. Karadzic trat in Banja Luka öffentlich auf und versuchte, den moderaten Bürgermeister zu isolieren, der sich für ein multiethnisches Banja Luka eingesetzt hat. Der Mann aus Pale verkündete Beförderungen für treue Gefolgsleute und verglich seine eigene politische Karriere mit der Jassir Arafats. Vom Friedensnobelpreis sprach er allerdings noch nicht.

General Mladic, verantwortlich für die Massaker bei Srebrenica im vorigen Sommer, versucht weiter, seinen Traum von der ethnischen Trennung zu verwirklichen: Trotz vereinbarter Bewegungsfreiheit hat er den bosnischen Serben verboten, in das Territorium der muslimisch-kroatischen Föderation zu fahren.

Gegen serbische Politiker, die in den vergangenen Wochen den Kontakt mit der Föderation und der Ifor suchten, haben die Radikalen eine Verleumdungskampagne gestartet. Ihr Ziel: In Sarajevo soll die serbische Bevölkerung um jeden Preis jene Vororte verlassen, die von Mitte März an der Föderation übergeben werden müssen. Den Menschenverächtern in Pale schwebt ein Zeltlager mit Zehntausenden von Flüchtlingen vor, deren Not Dayton in Verruf bringen soll.