Nur eine Stunde hatte das Feuer in der Nacht auf den 30. Januar gebraucht, um den schönen Vogel Oper in Schutt und Asche zu legen: La Fenice in Venedig, den schwärmerisch geliebten, hochgepriesenen Ort vieler epochaler Uraufführungen von Rossini, Donizetti und Verdi bis Strawinsky, Prokofjew und Nono. Seit August war das Opernhaus renoviert worden, am 1. März sollte es mit Woody Allen und seiner Jazzband wiedereröffnet werden - doch dann wurde es durch Unachtsamkeit in Brand gesetzt.

Großes Entsetzen - und der schnelle Schwur: Wir lassen den Phönix sofort wieder auferstehen, in alter Pracht, genauso, wie er war! Bürgermeister Cacciari, vor einem Jahr in der ZEIT als "Promotor eines kulturellen Aufbruchs in die Vergangenheit" beschrieben, hatte in Rom schnell zwanzig Millionen Mark für das Allernotwendigste lockergemacht; auf dem Spendenkonto von La Repubblica war in wenigen Tagen eine Million Mark zusammengekommen; Pavarotti versprach, gratis zu singen; Achim Freyer will seine geplante Premiere des "Don Giovanni" in der Ruine stattfinden lassen - und so glaubt alle Welt, auch das Dritt el der halben Milliarde Mark an Wiederaufbaukosten, wie verlangt, durch milde Gaben zusammenzukriegen. Und alles soll werden, wie es war?

Aber ja, aber ja! Genauso, wie jedermann La Fenice kannte, wie es nun alle aus der Asche zurückgezaubert haben wollen, natürlich. Denken die Italiener an ihre Futuristen, die 1910 alle Gondeln, "diese Schaukelstühle für Idioten", verbrennen wollten und den ganzen Plunder von gestern dazu? I wo, sie denken an den Campanile von San Marco, den sie 1902, nachdem er am 14. Juli um 9.52 Uhr plötzlich in sich zuammengestürzt war, entschlossen und detailgetreu wiederholten, und an die Semperoper in Dresden und an Barcelona, das sein Opernhaus, das Gran Teatre del Liceu, fast auf den Tag genau vor einem Jahr durch ein Feuer verlor und es, selbstverständlich, möglichst unmerklich verändert zurückverlangt. Das Gemüt ist so bequem wie je, das restaurative Verlangen infolgedessen so stark wie überall, die Gewohnheit ein Lieblingsgefühl. Menschen sind verstrickt in das, was sie haben - und wenn es zerstört ist, verlangen sie es so zurück, wie es war. Sie und scheuen das Abenteuer des Neuen. Doch vielleicht . . .?

Vielleicht erlauben sich die Venezianer nun doch einmal das architektonische Wagnis, an ihrer seit 1930 in Biennalen erprobten Stadt der zeitgenössischen Musik ein zeitgenössisches Opernhaus hinter dem schönen, strengen, alten Portikus zu errichten und die Trümmer als eine sensationelle Chance zu begreifen. Nein, weder dem radikalen, damals sturzmodernen neoklassischen Bau des Architekten Gian Antonio Selva von 1792 sollten sie nacheifern noch dem Neo-Rokoko-Plüsch, den die Brüder Medua 1836 auf seiner Brandruine aufgeführt haben, noch den erweiterten Versionen von 1904 oder 1936 - nein, keine "goldene Rumpelkammer". Sie sollten nun aber auch kein supermodernes Musiktheater-Kraftwerk mit einer hypermodernen Bühnenmaschinerie auf das enge Grundstück zwängen, sondern etwas ganz anderes probieren: ein modernes, nicht zu großes, ein mit seinen räumlichen und technischen Beschränkungen spielendes Opernhaus, das die Not zur Tugend erklärt und das - Himmel hilf! - zu einer neuen, anderen, die Sparsamkeit als Stimulans nutzenden Opernkultur herausfordert, zu einem neuen venezianischen Stil in Ausstat tung und Regie. Und alles dies, selbstverständlich, bei höchstem musikalischem Anspruch.

Es gibt in Italien mindestens ein Dutzend hervorragender Architekten, die längst auch anderswo in Europa Furore machen. Es wäre doch gelacht, wenn Venedig diesen kreativen Schatz unberührt ließe - und sich, von Sentimentalität und Trauer benebelt, in den Staub der Tradition flüchtete.