Bürger Handke, Serbenvolk – Seite 1

"Als Priester hält Hugo ständig die Stirn gebeugt, zu gebeugt, um irgend etwas außer seinem Nabel zu sehen." Charles Baudelaire Peter Handke hat in der ZEIT (Nr. 6/1996) ein Interview gegeben und zuvor in der Süddeutschen Zeitung in zwei Fortsetzungen einen riesigen Text unter dem Titel "Gerechtigkeit für Serbien" veröffentlicht. Der Text ist in der Ich-Form geschrieben, und dieses "Ich" hat mit Handke so viele Züge gemeinsam, daß man den Erzähler Handke nennen könnte. Kompositorisch könnte man den Text in zwei Teile gliedern: erstens in einen Erzählrahmen, der die westeuropäische Rezeption der Kriege im ehemaligen Jugoslawien thematisiert, und zweitens in einen Mittelteil, der im wesentlichen ein Bericht über eine Reise Handkes und seine Gedanken während dieser Reise ist. Wie sollte man diesen Text Handkes lesen?

1.

Formal könnte er eine Reisebeschreibung sein, denn der Autor beschreibt eine seiner Reisen. Natürlich kann man nicht von einer klassischen Reisebeschreibung sprechen, die detailliert Städte, Landschaften, Sitten und Gebräuche der Menschen darstellt. Erstens, weil Handke ein moderner Schriftsteller ist, zweitens, weil gleich zu Beginn des Reiseteils Schnee gefallen ist, weswegen es da gar nichts zu beschreiben gibt - Schnee ist im wesentlichen weiß, und alle Landschaften sehen unter einer Schneedecke ähnlich aus.

Und drittens, weil es Angaben, Fakten, präzise Hinweise einfach nicht gibt. Es gibt wohl einige Photographien und Landkarten, aber ihre einzige Funktion ist, zu zeigen, wo Handke sich aufgehalten hat. Man muß Handkes Text also als Kunstprosa lesen.

2.

Eine andere Möglichkeit legt der Titel nahe: "Gerechtigkeit für Serbien". Die Form des Titels und das Wort "Gerechtigkeit" suggerieren, daß ein moralisches Pamphlet folgt, im Stile, sagen wir, von Zolas "Ich klage an". Auf diese Möglichkeit weist Handke selber hin, wenn er sich am Ende des Textes gegen einen Vergleich mit Zolas Schrift verwahrt: "Wohlgemerkt: hier geht es ganz und gar nicht um ein ,Ich klage an`. Es drängt mich nur nach Gerechtigkeit."

Handke verwahrt sich völlig grundlos gegen einen Vergleich mit Zola. Zolas Text beschäftigt sich mit einem einzigen konkreten Menschen, der ganz konkret verurteilt wurde und eine Strafe verbüßte für etwas, was er nicht getan hatte, wofür es Beweise gab. Handke ist nicht so bescheiden, er sucht Gerechtigkeit für einen ganzen Staat, der angeklagt ist, in einem Krieg mitzuwirken, wofür es ebenfalls Beweise gibt. Zola beschäftigt sich folglich mit Moral, mit ethischen Prinzipien, die im alltäglichen Leben realisiert werden. Handke beschäftigt sich mit Politik. Über Moral wird in Handkes Text überhaupt nicht gesprochen, und deswegen ist es unglaubwürdig, diesen Text ein moralisches Pamphlet zu nennen.

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Zugegeben, es gibt eine Stelle im Text, an der zwar nicht über Moral gesprochen wird, die aber von ihr handelt. Handkes Mitreisende S. fragt, ob er auch noch das Massaker in Srebrenica in Frage stellen wolle, doch Handke antwortet: "Nein. Aber ich möchte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erklären ist, begangen, so heißt es, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, und dazu nach über drei Jahren Krieg, wo, sagt man, inzwischen sämtliche Parteien, selbst die Hunde des Krieges, tötensmüde geworden waren, und noch dazu, wie es heißt, als ein organisiertes, systematisches, lang vorgeplantes Hinrichten." Und dann fragt er, nicht seine Gesprächspartnerin, sondern die Menschheit: "Und warum statt einer Ursachen-Ausforschung . . . wieder nichts als der nackte, geile, marktbestimmte Fakten- und Scheinfakten-Verkauf?"

Soviel zum Massaker in Srebrenica. Soviel zu dem Ereignis und zu den Menschen, die an diesem Ereignis mitgewirkt haben, als Ermordete oder als Mörder. Ermordet wurden sechs- bis achttausend Menschen, von denen jeder irgend jemandes Sohn, Bruder, Ehemann, Freund ist. Ermordet wurden sie von irgendwelchen anderen Menschen, die nach einem solchen Blutbad selbst keinen inneren Frieden mehr finden werden. Für alle diese Menschen, für das Ereignis selbst hat Handke kein Wort übrig. Ihm geht auf die Nerven, daß darüber geschrieben und gesprochen wird, daß "Fakten und Scheinfakten verkauft" werden. Wie soll man dem Literaten Handke klarmachen, daß nicht der Spiegel schuld ist, wenn das Gesicht häßlich aussieht? Wie ihn überzeugen, daß die Mehrheit der Journalisten lieber über Blumenzucht schreiben würde? Wie ihn überzeugen, daß die Welt, in der nur das Massaker eine Nachricht ist, Gleichgültigkeit gegenüber Ermordeten und Mördern erzeugt, eine Gleichgültigkeit, die er selbst grandios demonstriert?

Betrachtete man diesen Text aus der Perspektive der Moral, müßte man ihn einen der schändlichsten Beiträge von ethischem Nihilismus in unserer Zeit nennen. Weniger ist mir da Handkes Kollege Eduard Limonov zuwider, der selbst auf Sarajevo schoß. Limonov haßt, und durch Schießen artikuliert er sich selbst. Handke ist nur gleichgültig. Auch deshalb möchte ich Handkes Text nicht als moralistisches Pamphlet begreifen.

Handkes Kollektivierung moralischer Begriffe wie Schuld, Verantwortung, Gerechtigkeit verwirren und ängstigen mich und ekeln mich gleichzeitig an. Aber Handkes Versuch, die Verantwortung für Verbrechen, die ganz konkrete Leute mit Vor- und Nachnamen begangen haben, auf "die Serben" zu übertragen, um sie dann vor dieser Schuld und Verantwortung sozusagen in Schutz zu nehmen, ist mindestens monströs. Welcher normale Mensch würde glauben, daß "die Serben" für einen einzigen Mord verantwortlich seien? (Serben als solche? Serben an sich? Seien wir ernsthaft, Millionenkollektive kann man nicht als ein in sich homogenes Phänomen betrachten, soviel sollte auch ein Literat wissen.)

Wer hat jemals ernsthaft die Serben angeklagt, die Handke hartnäckig behandelt, als ginge es um einen guten Freund? Und welche Serben nimmt Handke in Schutz? Tausende junge Männer, die ins Ausland geflohen sind, um der Einberufung zu entgehen? Meinen Freund Bogdan Bogdanovic, der aus seiner Geburtsstadt Belgrad fortging, um Drohungen und Demütigungen zu entgehen? Meinen Freund Gavrilo Grahovac, der während der ganzen Zeit des Krieges in Sarajevo Bücher veröffentlicht hat? Vor wem nimmt denn Handke die Serben in Schutz? Wer außer Handke würde überhaupt über Serben als solche sprechen? Solche Serben existieren einzig in Handkes und Slobodan Milosevic' Kopf.

Aber Handke geht noch einen Schritt weiter als Milosevic, denn in seinem Kopf existieren auch die Deutschen in dieser Weise - als eine in sich homogene Erscheinung, die als guter Freund oder als Aschenbecher betrachtet wird. Im Interview mit der ZEIT sagt Handke: "Der Schmerz kommt von den Deutschen, und das muß sich den Deutschen einbrennen." Wie Handke davon überzeugen, daß "die Deutschen" eine in sich komplexe Erscheinung sind? Ob mir Handke glauben würde, daß es seit Hartmann von Aue bis heute einige Deutsche gibt, die sich voneinander unterscheiden? Muß man "den Schmerz, den das Land Serbien erleidet" (mein Gott, welch billiges Pathos!), auch Georg Büchner "einbrennen"? Und auch der Tochter meines Freundes Ulli Schreiber? Muß man nach Handkes Meinung den Kindern aus deutsch-französischen Ehen diesen Schmerz lediglich zur Hälfte "einbrennen"?

Deshalb würde ich nicht darauf bestehen, von diesem Text Handkes aus der Perspektive der Moral zu sprechen. Ein Verbrechen darf nicht vom Subjekt losgelöst betrachtet werden, ein Verbrechen hat immer genau ein konkreter Mensch begangen, in seinem eigenen Namen, so sehr er sich auch auf ein Prinzip oder ein Kollektiv berufen möge, in dessen Namen er angeblich gehandelt hat. Man kann nicht im Namen der Serben morden, weil sich Tausende von Serben klar von den Verbrechen abgegrenzt haben, die "in ihrem Namen" begangen wurden. Logischer Wirrwarr und moralischer Nihilismus, die die Grundfesten von Handkes Versuch bilden, Mord und Zerstörung anonym und allumfassend zu machen, erlauben es einfach nicht, über diesen Text aus der Perspektive der Moral zu sprechen.

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3.

Man kann Handkes Text auch vom Thema her lesen. Sagen wir, als einen Essay oder ein Traktat über Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Diese Sichtweise schlägt Handke selber vor, indem er seine traurige Situation eines bloßen Beobachters beschreibt: "Was weiß der, der statt einer Sache einzig deren Bild zu Gesicht bekommt?"

Nach einem seelischen Drama, das er ausführlich beschreibt, macht sich Handke auf den Weg, um "aus erster Hand" den Krieg kennenzulernen, von dem soviel Falsches geredet wird. Und begibt sich nach Serbien. Eine interessante Entscheidung: Während der Krieg, den er kennenzulernen beabsichtigt, in Bosnien wütet, fährt Handke nach Serbien, das mit dem Krieg insofern zu tun hat, als es zwangseinberufene junge Männer und Kriegsausrüstung an die Front schickt. Als ob jemand, um den Algerienkrieg kennenzulernen, nach Frankreich gefahren wäre, sich in den Süden nach Marseille aufgemacht hätte, dort in tiefe Gedanken versunken und nach Hause zurückgekehrt wäre, um einen gewaltigen Text zu schreiben.

Das Motto des gesamten Textes ist einem Roman von Milos Crnjanski entnommen, dessen Namen Handke falsch schreibt. Und auf den langen Weg, auf dem sich alles aufklären wird, macht sich Handke ausgerüstet mit einem kleinen Langenscheidt-Wörterbuch, denn er kennt nicht ein einziges Wort der Sprachen, die in diesen Gegenden gesprochen werden. Handke kennt nicht die Kultur der Gegenden, in die er reist, er kennt nicht ihre Geschichte, kennt auch nicht eine Tatsache aus ihrer unmittelbaren Vergangenheit, die er beschlossen hat der Welt zu erklären. So nennt er beispielsweise die Unabhängigkeitserklärung von Bosnien-Herzegowina eine "eigenmächtige Staatserhebung durch ein einzelnes Volk - wenn die serbokroatisch sprechenden, serbischstämmigen Muselmanen Bosniens denn nun ein Volk sein sollten - auf einem Gebiet, wo noch zwei andere Völker ihr Recht, und das gleiche Recht! hatten".

Die Dinge stehen freilich nicht so, wie sie Handke beschreibt. Die Unabhängigkeit der Republik Bosnien-Herzegowina ist nach einem Referendum ausgerufen worden, bei dem Bürger (nicht Völker!, sogar in Bosnien leben Individuen, die Bürger sein können, wenn man es ihnen erlaubt) dieses Landes ihre Stimme abgaben. Abgestimmt wurde am 28. Februar und am 1. März 1992. Die Abstimmung war in jenen großen Teilen der Republik unmöglich, in denen die faktische Macht (nicht die formale, aber es zählt nur die faktische) noch immer bei der Armee (damals noch der jugoslawischen Volksarmee) und der noch immer illegalen Polizei der von Belgrad gelenkten Serbischen Demokratischen Partei lag.

In einem großen Teil dieser Gebiete machte die serbische Bevölkerung eine Minderheit aus. Nichtsdestotrotz haben sich über 65 Prozent der Bürger (nicht Völker) für die Unabhängigkeit ausgesprochen. Eine elementare Kenntnis der Arithmetik führt zur Schlußfolgerung, daß in allen Ortschaften, in denen eine Abstimmung möglich war, praktisch alle Bürger der Republik Bosnien-Herzegowina für die Unabhängigkeit der Republik gestimmt haben: Serben, Kroaten, Juden, Roma, Rusinen, ja sogar viele Jugoslawen. Denn es wurde nicht über die Zerschlagung Jugoslawiens abgestimmt, das bereits zerschlagen war, auch nicht über die Unabhängigkeit der Republik - es wurde für eine Flucht vor Milosevic' chauvinistischem Regime gestimmt.

Handke schreibt die Bosniaken "Muselmanen" (die Schreibweise kränkt mich nicht, ich gebe aber zu, daß ich diese Laune des Künstlers nicht verstehe) und fragt sich, ob sie (jene Bosniaken, die Handke "Muselmanen" nennt) überhaupt ein Volk sind. Auf Handkes rhetorische Frage kann ich nicht antworten, da auch ich die Antwort, ehrlich gesagt, nicht kenne. Und zwar weil ich nie enträtseln konnte, wann eine kulturelle und ethnische Gruppe zum Volk wird, wann zur Nation, wann zur nationalen Minderheit . . . Ich persönlich war immer eine Minderheit und wollte es sein, auch im Rahmen dieses meines Volkes, das nach Meinung einiger gar kein Volk ist. Es ist schön, ein Minderheit zu sein, als Minderheit bist du deinem kleinen Maß am nächsten und am meisten bei dir selbst. Mit Völkern habe ich mich nicht beschäftigt, und schon gar nicht mit der Ethnogenese, mit der sich Handke beschäftigt, bevor er uns verkündet, wir Bosniaken stammten von den Serben ab. Der kroatische Präsident Tudjman weiß ganz sicher, daß wir von den Kroaten abstammen. Mir ist es gleich, ich bitte nur diese beiden Kenner, sich zu einigen und es mir dann mitzuteilen, damit ich es endgültig weiß.

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Handkes Satz suggeriert, daß die "Muselmanen" kein Volk sind. Aber soll man sie wirklich deshalb ausrotten? Ich kenne einige Leute, die darin ein moralisches Problem sehen würden, selbst wenn dieses Nichtvolk einen eigenen Staat will. Handke sieht darin weder ein moralisches noch irgendein anderes Problem. Alle Achtung!

Aber dafür sagt Handke im Interview mit der ZEIT, es sei verständlich, wenn die Leute in Bosnien einander hassen. Weshalb ist das für Handke "verständlich"? Wie kann er das verstehen? Sind die Bosnier einfach so? Ist ihr Land einfach so? Peter Handke - Vertreter der "Blut und Boden"-Literatur.

In jedem Fall, mit Rücksicht auf die absolute Unkenntnis elementarer Tatsachen über die Gegenden, in die er gereist ist, und über die Ereignisse, von denen er schreibt, sollte dieser Text Handkes nicht als Essay oder Traktat über die Kriege im ehemaligen Jugoslawien begriffen werden. So gelesen, würde er sich als völlig wertlos erweisen, und deshalb möchte ich ihn nicht als solchen betrachten.

4.

Am Ende bleibt eine Lesart, die ich bereits früher vorgeschlagen habe: erzählerische Kunstprosa, die sich der Form des Reiseberichts bedient, um ein Bekenntnis des sprechenden Subjekts zu motivieren. So gelesen, könnte dieser Text tatsächlich für jene hilfreich sein, die sonst Probleme mit der Lektüre Handkescher Prosa haben. Es handelt sich dabei um Prosa, in der eine einzige Stimme existiert und eine einzige Sicht - die Stimme und Sicht des redenden Subjekts (das ich der Einfachheit halber auch weiterhin "Handke" nennen werde, obschon von diesem Moment an der Erzähler und der Bürger Handke nicht identisch sind). Es gibt keine andere Gestalt, in Beziehung zu der man den Erzähler verstehen könnte. Es gibt kein Ereignis, das irgend etwas objektivieren würde, keine Dinge, die auf irgendeine Weise den Erzähler und seine Beziehung zur Welt konkretisieren würden. Nichts, nur das logorrhöische Ich, das redet und redet und redet. Und dabei aus den dunklen Tiefen seiner subjektiven Welt heraus redet, so daß man keinerlei Aussicht hat, irgend etwas davon zu begreifen.

Andere Menschen erscheinen bei Handke hauptsächlich in Massen und treten zum Beispiel "oft mit Krawatte und Hut" auf, "glattrasiert für balkanische Verhältnisse". Wie soll man eine solche Beschreibung verstehen? Welchen Grad an Rasiertheit verlangen "balkanische Verhältnisse"? Welche Verhältnisse gibt es noch? All das wird unklar bleiben, denn die Leute mit den Krawatten sind, wie alles andere, was in Handkes Text überhaupt existiert und nicht existiert, lediglich Kulisse und Anlaß für Wasserfälle von Bekenntnissen des Erzählers, der nicht willens ist, etwas außerhalb seines Subjekts wirklich wahrzunehmen.

Handkes Text ist eine ganz private Schwätzerei, in der es nichts gibt außer dem sprechenden Subjekt. Und selbst wenn sich etwas anderes außer dem Subjekt zeigt - dann wird es nur erwähnt (nicht beschrieben, nicht präsentiert, nicht mit Dasein beschenkt - nur erwähnt), um eine momentane Assoziation des sprechenden Subjekts zu illustrieren. Hat nicht Broch gesagt, daß Kunst, die keinen einzigen Aspekt des objektiven Daseins artikuliert, die nicht auf irgendeine Weise der Erkenntnis dient, Kitsch ist? Aber wer würde heute Broch lesen?

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Daher dieser kleine Kommentar. Denn, wie Schopenhauer sagt, "in der Literatur ist das Schlechte nicht nur unnütz, sondern positiv verderblich".

Aus dem Bosnischen von Robert Hammel