Massive Truppenverbände sammeln sich an der Südostküste Chinas. Aufmarschgebiet ist die Provinz Fujian, die an der Straße von Formosa direkt Taiwan gegenüberliegt. Rund 150 000 Soldaten werden demnächst ins Manöver ziehen. Nur ins Manöver? Im Fernen Osten geht Kriegsfurcht um. Von möglichen Raketenangriffen auf Taiwan ist die Rede, von Plänen für eine Seeblockade, sogar von einer Invasion der Insel. Als wollte Washington die Führung in Peking eindringlich vor einem militärischen Abenteuer warnen, ließ das Pentagon schon im Dezember demonstrativ den Flugzeugträger Nimitz die Meerenge vor Taiwan passieren.

Zwei entgegengesetzte politische Trends stoßen unheilvoll aufeinander: Die Demokratisierung Taiwans hat es der lange unterdrückten Unabhängigkeitsbewegung ermöglicht, ihre Forderungen ohne Angst vor Strafe öffentlich zu erheben. Der seit 1988 regierende Präsident Lee Teng-hui, selbst auf Taiwan geboren, ruft zwar nicht nach Unabhängigkeit; aber er strebt doch nach größerer internationaler Anerkennung für sein Land.

Demgegenüber sucht in der Volksrepublik China eine unsichere Führung politischen Halt in einem zunehmend aggressiveren Nationalismus. Unverhohlen buhlt sie damit um die Unterstützung des konservativen Offizierskorps, das sich um so machtbewußter in die Politik einmischt, je länger das Siechtum des todkranken Patriarchen Deng Xiaoping sich hinzieht.

Die Rhetorik ist nicht neu: Die Wiedervereinigung "notfalls mit militärischen Mitteln" gehört seit langem zum Standardrepertoire der Pekinger Propaganda. Neu ist das unbändige Selbstbewußtsein des wegen seines Marktes umworbenen Riesenreiches. Die Volksrepublik will endlich von gleich zu gleich mit Amerika sprechen, der einzigen Macht, die sie als ebenbürtig respektiert. Deshalb ist das Taiwan-Problem, allen Floskeln zum Trotz, für China eben keine "innere Angelegenheit".

Man täusche sich nicht: Den Kommunisten ist es bitterernst. Der Terminplan rückt das Thema un-

weigerlich auf die Tagesordnung: 1997 geben die Briten Hongkong an China zurück; die portugiesische Herrschaft über Macao endet 1999. Spätestens dann ist für Peking der Zeitpunkt gekommen, auch die "abtrünnige Provinz" Taiwan einzugliedern. Nichts könnte da ungelegener kommen als die Präsidentenwahlen auf Taiwan am 23. März - die erste freie Wahl eines Staatsoberhauptes in 5000 Jahren chinesischer Geschichte. Ein durch das Votum des Volkes legitimierter Lee Teng-hui wäre nicht nur eine innenpolitische Herausforderung für die Machthaber in Peking; er würde auch der Forderung nach Anerkennung größere Glaubwürdigkeit verleihen.

Die Amerikaner stehen vor einem außenpolitischen Dilemma. Nicht ohne Grund haben Richard Nixon und Henry Kissinger Anfang der siebziger Jahre spektakulär die Seiten gewechselt und das kleine Taiwan zugunsten der kommunistischen Volksrepublik fallengelassen. Im weltpolitischen Ringen mit der Sowjetunion triumphierte die Realpolitik über die Bündnistreue.