Das Leben hat sehr viele Aspekte. Liebe zum Beispiel, auch Fußball und Tod, natürlich Feuilleton und Gerechtigkeit für Serbien und auch die Hose von Peter Schneider. Ja, so ist das. Auch die enge Hose von Peter Schneider gehört zum Leben. "Er legt", erklärte Peter Handke, "immer ganz enge Jeans an, damit er sein Geschlecht fühlt, und zieht sich nach Möglichkeit auch sein Hemd aus, und so wird sein Schreiben vital." Handke hat das vor zwei Wochen in der ZEIT erklärt. Eigentlich wäre die enge Hose von Peter Schneider, längst auch dokumentiert und kommentiert vom Spiegel, schon ziemlich kalter Kaffee, wenn nicht jetzt Marcel Reich-Ranicki eine ganz enganliegende Hose angezogen hätte, um Monika Marons neuen Roman "Animal triste" zu besprechen. "Wird in unserer Zeit seltener geliebt als einst oder jedenfalls weniger heftig?" fragt Reich-Ranicki in seiner Spiegel-Hymne. "Nein", antwortet Reich-Ranicki, "das glaube ich nicht. Auch heute werden die Menschen von der Liebe überwältigt." Ehrlich gesagt: So vital war Reich-Ranickis Schreiben noch nie!

Noch einmal kurz zur Rekonstruktion: erst der Krieg in Bosnien, dann Handke, sofort Schneiders enge Hose und eine umfassende und aufsehenerregende Rezeption und nun diese vitale Rezension, in der man förmlich Reich-Ranickis Geschlecht zu fühlen meint. Sie werden sagen: Weit hergeholt! Wir sagen: Nein! Ein reflektierendes, Zeitgeschehnisse liberal verbindendes Produkt wie die ZEIT kann an solchen frappierenden Verknüpfungen nicht spurlos vorübergehen. Wir erinnern: Handke brachte Schneiders Wirken mit dessen enger Hose diskreditierend in Einklang. Aber eigentlich ging es um die ganz normale "Produktionsästhetik": Wie schreibt man am vitalsten? Wie gelingen einem solche Sätze: "Auch heute werden die Menschen von der Liebe überwältigt"?

Produktionsästhetik wird heute viel zuwenig beachtet. Baudelaire zum Beispiel konnte nur mit grünen Handschuhen schreiben. Von Joseph Roth gäbe es ohne Alkohol heute keine einzige Zeile ("Ich bin böse besoffen, aber genial"). Dasselbe gilt auch für Martin Walser ohne Bodensee. Genet ohne Gefängnis. Brecht ohne Frauen. Castorf ohne Kartoffelsalat. Peymann ohne Österreich. Jünger ohne Käfer. Stein ohne "Faust". Und so weiter. Oder gerade Peter Handke: Hat der nicht seine besten Texte geschrieben, wenn er sich Reich- Ranicki im Hundezwinger imaginierte? "Die Feder des Dichters wird von geheimen Kräften geführt." Schreibt Suhrkamp Wissenschaft (Band 166). Grundlegendes Werk über die "Theorien künstlerischer Produktivität"! Also: Wir fordern jetzt Gerechtigkeit für Schneiders enge Hose. Für alle engen Hosen! Sie haben ihren legitimen Platz im literarischen Leben.

Bleibt eine Frage, deren Beantwortung nun keinen Aufschub mehr duldet. Soll der Leser bei Lektüre seiner Wochenzeitung sein Geschlecht fühlen? Oder muß nicht gerade eine Wochenzeitung das letzte Refugium vor den Zumutungen des Geschlechtlichen sein? Ernstgemeinte Leserzuschriften hierzu erbitten wir unter dem Stichwort: "Der Name der Hose".

Finis

PS: Wegen dieses aktuellen Beitrags muß der an dieser Stelle ursprünglich vorgesehene Text: "Die Pflegeversicherung - Herausforderung und Risiko" leider entfallen.