Das Haus an der Bouvardia Avenue 37 in Pretoria ist leergeräumt. Die Kinder schlafen. Helen und Michael Schultheiß sitzen auf gepackten Koffern. Die Dienstzeit bei der Deutschen Botschaft ist abgelaufen. Morgen fliegen der Diplomat und seine Frau zurück nach Berlin. "Das neue Südafrika? Uns reicht's." Die beiden sind ein gemischtes Paar, sie schwarz, er weiß. "Wir sind hierhergegangen, weil wir glaubten, daß sich in diesem Land alles ändert", sagt Helen. Nun gehen sie fort, weil sie wissen, daß sich wenig geändert hat. Toleranz? Schwarz-weiße Versöhnung? Das große multikulturelle Experiment am Kap? "Der alltägliche Rassismus ist hier größer als anderswo."

Das übelste Erlebnis im neuen Südafrika widerfuhr ihnen am 23. September 1994 beim Oktoberfest der deutschen Schule in Pretoria. "Ich ging mit meinen Verwandten aus Kenia dorthin, weil ich ihnen die Kultur meines Mannes zeigen wollte", erzählt Helen. Michael, der Ehemann, war schon da. Er zapft an diesem Abend Bier. Die Kleinen fahren Karussell, die Großen plaudern. Es wird halb zehn. Michael bringt die Kinder nach Hause. Helen geht mit ihren Besuchern ins Hauptzelt.

Blechmusik kracht, Maßkrüge klirren. Das Zelt ist rammelvoll. Zwei Paare und die drei Kenianer sind die einzigen Schwarzen. Es gibt nur noch zwei freie Stühle. Ein Weißer zieht sie weg. Sie unterhalten sich im Stehen. Plötzlich spürt Helen Nässe auf ihrem Rücken. Jemand hat sein Bier über ihr Kleid gegossen. Kann vorkommen, denkt sie. Ein paar Minuten später passiert das gleiche erneut. Sie dreht sich um. Die Leute schauen grinsend in ihre Bierhumpen. Dann die dritte Ladung. Diesmal erkennt sie den Übeltäter: ein Kerl mit Tirolerhut. "Ich fragte ihn nur: Warum? Er machte das Zeichen für ,Fick dich!` und versetzte mir einen Fußtritt."

So etwas läßt sich die selbstbewußte Helen nicht gefallen. Auch sie versucht, den Mann zu treten. Dem geht der Tirolerhut hoch. Seine Spezis halten ihn zurück. Helen läuft zu ihren Verwandten zurück. Kurz darauf sieht sie sich von acht Polizisten umringt. Die weißen Beamten schlagen auf Helen ein. Werfen sie zu Boden, legen ihr Handschellen an, zerren sie hinaus in die Dunkelheit. Helen hört eine weiße Frau, eine Burin, schreien: "Hau ab, kaffir!" Ein Polizist droht ihr: "Wir werden dir eine Lektion erteilen."

Zufällig kommt die Ehefrau eines Lehrers vorbei, die Helen kennt. "Was macht ihr mit ihr?" Die Polizisten lassen von ihrem Opfer ab und machen sich aus dem Staub. Kurz darauf meldet sich ein Mister Powell, der Einsatzleiter. "I am sorry", murmelt er und nimmt die Handschellen ab. Es tue ihm leid. Aber ermitteln? Das will er nicht.

Helen könnte jetzt noch an die Decke gehen, wenn sie den Abend im Bierzelt schildert. "Stellen Sie sich vor: Da sitzen Hunderte von Weißen, und keiner hilft! Noch nie in meinem Leben habe ich mich so gedemütigt gefühlt."

Am Tag nach der Attacke im Bierzelt läßt Helen sich untersuchen. Der Arzt stellt Kratzer am Hals und stark geschwollene Handgelenke fest. Sie erstattet Anzeige; die Polizeiwache Silverton legt eine Akte an. Die Deutsche Botschaft gibt den Vorfall beim Auswärtigen Amt zu Protokoll. Georg Dürr, der Direktor der Deutschen Schule, und Erich Friedland, der Vorsitzende des Schulvereins, bringen Blumen und entschuldigen sich im Namen ihrer Schule: "Was Ihnen bei unserem Oktoberfest zugestoßen ist, beschämt uns alle." Michael kommentiert: "Wir haben in dieser Zeit viele zutiefst Betroffene kennengelernt."