Manchmal hilft eben nur noch Frechheit. Da kämpft eine Partei, ausgezehrt und atemlos, ums pure Überleben. Jede Bewegung, jedes Statement ist auf Wirkung kalkuliert. Gebannt blicken die Funktionäre auf den nächsten Wahltermin. Es könnte der letzte sein. Und dann kommt einer, der stellt sich hin, lächelt und deklamiert: "Gute Politik denkt eben nicht nur an die nächste Wahl, sondern vor allem an die nächste Generation." Das sitzt. Der Mann spricht über seine Partei: "Die FDP hat eine Geisteshaltung, einen Zukunftsentwurf und ein Lebensgefühl." Das klingt schon ein bißchen absurd. Einige werden gleich abschalten, der Rest gerät ins Grübeln: über Lügen in der Politik, über Politik und Marketing. Oder vielleicht doch über die ganz unwahrscheinliche Chance einer ganz anderen FDP. Eins zu null für Guido Westerwelle.

Seit gut einem Jahr ist der Vierunddreißigjährige Generalsekretär der FDP. Ende 1994, als er in Gera das Amt übernimmt, hat die Partei gerade das schlimmste Wahljahr ihrer Geschichte hinter sich. Seither ist sie aus drei weiteren Landesparlamenten gefallen. Sie hat ihren Vorsitzenden verschlissen und einen anderen, nicht sonderlich sprühenden, an ihre Spitze gewählt. Für die kommenden Landtagswahlen am 24. März pendeln die Umfragen, wie gehabt: mal knapp unter, mal knapp über fünf Prozent. Die jüngere Erfolgsbilanz der Partei nimmt sich dagegen eher mager aus. Vor einem Jahr, in Hessen, überlebte sie eine Landtagswahl. Und kürzlich haben die Liberalen in der Bonner Koalition mit großem Einsatz eine kleine, eher symboliche Steuersenkung erkämpft. Das war's.

"Die FDP befindet sich ganz offensichtlich im Aufwind", sagt Guido Westerwelle. Optimismus gehört zu seiner Arbeitsplatzbeschreibung. Doch das wird nicht reichen. Sein Vorhaben, die FDP aus dem Tief zu reißen, erfordert den ganzen Mann. Westerwelle gibt ihn. Er verkörpert das Kontrastprogramm zur FDP. Nur so kann er für sie werben: jugendlich-modern und angriffslustig. Alles, was die Partei nicht ist und doch ausstrahlen müßte, um ihrer Tristesse zu entkommen, der Generalsekretär inszeniert es: Die Partei ist tot. Einer lebt. Westerwelle setzt auf Ansteckung.

Es scheint, als sei die Aufgabe gerade groß genug, um ihn wirklich zu reizen. Das paßt zu seinem Motto: "Ein Sieg ohne Kampf ist kein Sieg." Westerwelle will gewinnen. Manchmal fragt man sich, ob dieser Wille nicht auch ganz ohne Politik auskäme. Egal. Jetzt gehört Guido Westerwelle der FDP.

Er kommuniziert ihre Zukunft herbei. Jeder Einwand provoziert einen unendlichen Reigen von Gegenargumenten. Manchmal, wenn die Skepsis seiner Zuhörer unter dem Wortschwall zu erlahmen droht, schlägt er eine kleine Pirouette: "Vielleicht liege ich falsch - aber ich denke, ich liege richtig." Mehr als eine halbe Satzlänge Selbstzweifel will sich Westerwelle nicht zumuten. Um so mehr braucht er den Zweifel seiner Zuhörer. Auf ihn kann er rechnen. Zwar wirkt der Generalsekretär in seiner ganzen Eindringlichkeit, als wolle er jeden Widerspruch kleinmahlen; doch im Grunde will er ihn wachhalten. Rede und Gegenrede. Talk-Show um Talk-Show. Die FDP im Gespräch, die FDP in der Debatte. Pausenlos PR. Ruhe, am Ende gar Langeweile, das ist sein Horror vacui.

Für den Absatz mancher Produkte reicht eine durchdachte Verkaufsstrategie.

Für die FDP reicht das nicht mehr. Deshalb ist Guido Westerwelle dazu übergegangen, sich seine Partei neu zu erfinden. Mitten in der Krise, einen Monat vor den Wahlen, an denen sich die Zukunft der Liberalen entscheiden könnte, legt Westerwelle einen Programmentwurf vor: Die FDP soll "unverwechselbar" werden. Verantwortlich zeichnet eine dreizehnköpfige Programmkommission unter seinem Vorsitz. Doch die Kernaussagen stammen aus seiner Feder. Bis in die achtziger Jahre lassen sich seine Formulierungen zurückverfolgen.