Schreibgeräte waren schon immer das Werkzeug der Wissenschaftler. Doch was anderen nur dient, hat Max Liedtke erforscht. Der Pädagogikprofessor an der Universität Erlangen-Nürnberg untersuchte die Entwicklung der Schreibinstrumente vom Holzstäbchen bis zum Faserschreiber. Dabei ging es ihm vor allem darum, festzustellen, inwieweit sich Darwins Theorie über die Entstehung der Arten auf kulturelle Evolutionen übertragen läßt.

Analogien haben die Forschung schon oft weiter gebracht. So fand etwa Georg Simon Ohm seine Theorie über die Verbreitung von Elektrizität, indem er Joseph Fouriers Formeln für die Wärmeleitung modifizierte. Adolf Fick wiederum wandte später die Differentialgleichungen von Fourier und Ohm auf die Diffusion von Lösungen an. Kulturwissenschaftler wie Liedtke, die sich auf Modelle aus den Naturwissenschaften stützen, sind freilich seltener zu finden.

Vor 25 Jahren begründete der Konrad-Lorenz-Schüler Otto Koenig die sogenannte Kulturethologie als "eine spezielle Arbeitsrichtung der allgemeinen Vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), die sich mit den ideellen und materiellen Produkten (Kultur) des Menschen . . . sowie mit entsprechenden Erscheinungen bei Tieren vergleichend befaßt". Als nämlich dem Biologen Koenig, der sich auch für Volkskunde interessierte, das Buch "Wort und Brauch im deutschen Heer" in die Hände fiel, erkannte er die Geschichte der Uniformen sofort "als reinste Phylogenie" (Stammesentwicklung). In seinem wenig später erschienenen Werk "Kultur- und Verhaltensforschung - Einführung in die Kulturethologie" führte er einige Ähnlichkeiten zwischen der biologischen Evolution, der Geschichte der Uniformen und des Auges als Motiv von Ornamenten auf. Koenig zufolge tendierten etwa sämtliche Formen zur Lateralsymmetrie: Links entstandene Schulterklappen bekämen binnen kurzem ein rechtes Pendant. Funktionslos gewordene Objekte schrumpften, blieben aber in der Natur wie in der Kultur häufig als Dekoration erhalten. Inzwischen haben Wissenschaftler verschiedener Disziplinen Koenigs Ansatz weiterverfolgt. Sie analysierten, wie sich im Lauf der Jahrhunderte Holzblasinstrumente wandelten, liturgische Gewänder veränderten, der Biologieunterricht an bayerischen Schulen etablierte und Schreibgeräte entwickelten.

Stolz präsentiert Max Liedtke seine Sammlung: Binsen, mit denen die Alten Ägypter schrieben, liegen neben Kielfedern, Dutzenden verschiedener Stahlfedern, diversen Bleistiften und Markern. Liedtke hat alles systematisch erfaßt. Das Ergebnis ist ein überaus verästelter Stammbaum. An der Wurzel findet sich die Unterscheidung in ritzendes (abtragendes) und färbendes (auftragendes) Schreibwerkzeug. Weiter unten verzweigen sich dann etwa die "ungeteilten Geräte mit Ritzungs-Kapillar-System" in Federkiele und Schreibrohre. Von Stufe zu Stufe nehmen die charakteristischen Merkmale zu. Auf der dreizehnten Ebene steht zum Beispiel der Federhalter "mit Pipettenfüllung, nicht versenkbarer Feder und Tintenleiter auf und unter der Feder".

Sämtliche Schreibgeräte lassen sich, je nachdem, wie viele Gemeinsamkeiten sie aufweisen, in Stämme, Familien und Arten einteilen. "Der Laserdrucker ist mit dem Ocker früher Kulturen verwandt wie der Mensch mit der Bakterie", sagt Liedtke kühn. Wie in der Natur ist eine Fülle unterschiedlicher - teilweise inzwischen verschwundener - Formen entstanden. Prospekte führender Hersteller umfassen heute mehr als hundert Modelle. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte mancher Großhändler gar über 400 verschiedene Typen von Schreibfedern vorrätig.

Antrieb der biologischen Evolution ist der Wettbewerb: Individuen und Arten konkurrieren um begrenzte Ressourcen. Auch die Entwicklung der Schreibgeräte ist von Rivalität bestimmt. Durchsetzen können sich jeweils nur die Produkte, die am besten an die Bedürfnisse ihrer Benutzer angepaßt sind, mit denen sich also sauber, schnell, bequem und an jedem Ort schreiben läßt. Zudem gilt wie in der Natur ein Sparsamkeitsprinzip: Die Instrumente müssen preisgünstig sein.

Obwohl die Variation der Gene ziellos ist, führte die biologische Evolution zur Höherdifferenzierung. Dieselbe Tendenz läßt sich bei Schreibgeräten ausmachen. Die Entwicklung verlief indes hier wie da nicht gleichförmig. Bereits hochentwickelte Tierarten starben aus. Ebenso verschwanden zum Beispiel Schlauch- und Kolbenfüller in der Versenkung. Auch gingen zuweilen Qualitätsmerkmale verloren: So erlauben Kugelschreiber im Gegensatz zu Federn nur Striche einheitlicher Stärke und damit weder Schwell- noch Bandzug.