Was im 450. Todesjahr Martin Luthers an einschlägigen wissenschaftlichen Neuerscheinungen auf den Markt kommen wird - es könnte sein, daß die Neuübersetzung eines 1928 zuerst veröffentlichten Buches die bemerkenswerteste ist. Gewiß ist "Martin Luther, un destin" des zu jener Zeit an der Universität Straßburg lehrenden französischen Historikers Lucien Febvre durch die seitherige Lutherforschung überholt; es repräsentierte schon bei seinem Erscheinen ihren Stand nicht in jeder Hinsicht. Das mag dazu beigetragen haben, daß es von der Luther-Forschung, aber auch von der Reformationsgeschichtsschreibung hierzulande kaum wahrgenommen worden ist, obwohl es seit 1947 in deutscher Sprache - sogar in einer Taschenbuchausgabe - vorliegt.

Die schweren Mängel dieser Übersetzung haben sicher einen Anlaß geboten, sie durch eine neue und bessere zu ersetzen; einen anderen das Luther-Jahr. Für den Übersetzer und Herausgeber, den in Paris tätigen deutschen Historiker Peter Schöttler, wichtiger gewesen sein dürfte das Bemühen, einen bedeutenden Historiker in Deutschland bekannt zu machen, der neben Marc Bloch Gründervater einer der international wirkungsvollsten geschichtswissenschaftlichen Zeitschriften dieses Jahrhunderts, der Annales, war.

Vorausgegangen ist 1994 Schöttlers Übersetzung des 1935 zuerst erschienenen Febvreschen Buches "Le Rhin. Problèmes d'histoire et d'économie" ("Der Rhein und seine Geschichte"). Hier wie im Luther-Buch begegnet eine Weise der Geschichtsschreibung, die von der typisch französischen Verbindung von Historie und Geographie ausgehend sich zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte erweitert hat und zu einer Geschichte der Mentalitäten, also der individuellen und kollektiven Bewußtseinsformen gelangt - eine Geschichtsschreibung, deren Rezeption die dominierenden Fachtraditionen in Deutschland entgegenstanden. Das gilt auch für Febvres literarische - unübersehbar in der Tradition Michelets stehende - Gestaltung, deren Seriosität traditionell arbeitenden Historikern fragwürdig erscheinen mochte.

Einer problemorientierten Geschichtswissenschaft jedoch, wie sie in den Annales vertreten wird, kommt die Rhetorik einer Darstellung entgegen, die zugleich feststellend und explorierend, erzählend und erklärend, diachrone und synchrone Zusammenhänge verknüpfend und argumentierend vorgeht, vor allem, wenn es nicht die Absicht des Autors ist, etwas Abschließendes zu sagen und ein Urteil zu fällen. "Welcher Luther sollte das auch sein, und nach welchen Maßstäben sollten wir ihn beurteilen? Nach seinen eigenen? Nach unseren? Oder nach den Maßstäben des gegenwärtigen Deutschland? Wir haben lediglich versucht, bis an die unmittelbaren Grenzen einer Gegenwart, die wir kaum mit der nötigen Gelassenheit einschätzen können, die kurvenreiche und sich schließlich gabelnde Bahn eines posthumen Schickals nachzuzeichnen."

Peter Schöttler hat das Besondere des Luther-Buches von Febvre in seinem "Nachwort" ausführlich beschrieben. Hier in gedrängter Kürze - und um eine Spur kritischer - eine Charakterisierung in Gegensätzen, also in Anwendung einer Argumentationsfigur, die Febvre bevorzugte. Er formuliert Fragen, die er konfrontierend beantwortet; er stellt überzogene Charakterisierungen Luthers, aber auch Melanchthons, Erasmus', einander gegenüber; er konstruiert Szenen, erfindet und zitiert Aussagen, die hätten gemacht sein können. Das herabsetzende Urteil Denifles wird abgelehnt, aber es wird ihm nicht widersprochen; die Luther-Biographie Köstlins wird noch immer zugrunde gelegt, die spätere von Scheel oder die Luther-Studien Holls sind genannt, aber wenig genutzt.

"Luther, un destin" (in der Übersetzung nur "Luther") könnte, wenn keine Biographie (die Febvre nicht schreiben wollte), so doch die Berücksichtigung des ganzen Lebenswegs Luthers erwarten lassen; Febvre aber hat sich auf die Zeit von 1516 bis 1525 konzentriert. Er sagt, die Untersuchung der späteren Jahre sei nötig, aber nur diejenige der Zeit bis 1525 vermöge den "ganzen Luther" zu erfassen. Die Zeit danach wird als Prozeß der "Selbstabkapselung" Luthers beschrieben, in der das kirchliche, soziale und politische Leben an ihm unverstanden vorbei und über ihn hinweg geht, während er im Kern derselbe bleibt: das religiöse Genie, das sich in schweren Anfechtungen und Glaubenskämpfen ganz persönlich zu einem neuen Christsein durchringt, das keine neue Religion, keine neue Kirche schaffen will, aber unter den besonderen deutschen Bedingungen der Zeit um 1520 durch seine Sprache, durch sei ne Verkündigung des wahren Christseins einen Sturm in Bewegung setzt und Kräfte auslöst, die er nicht will, aufs Heftigste verurteilt und unbeabsichtigte Entwicklungen befördert, denen er sich nicht zu entziehen vermag.

Das ist (und war) keine neue Interpretation Luthers und seiner Wirkung; sie ist jedoch nirgendwo so kontrastreich, so problemkonzentriert inszeniert und vorgetragen worden - von einem Franzosen, der mehr in der Stilisierung Luthers zu "dem Deutschen" als in Luther selbst deutsches Wesen erkannte, von einem dissidenten Katholiken, der der katholischen Kirche die Verantwortung für die von Luther nicht gewollte Kirchenspaltung zuwies. Man muß die manchmal überspitzten Folgerungen, Luther sei kein Reformator gewesen, er sei mit seinem Anliegen, "die geistigen Grundlagen der christlichen Kirche zu verändern" gescheitert und habe einen "gigantischen Trümmerhaufen" hinterlassen, in ihrer kontextuellen Bedeutung lesen: Sie heben scharf die Folgen des Auftretens Luthers hervor; eben nicht "die" Reform der Kirche, sondern viele Reformationen, die Entstehung des "institutionellen Lutheranertums", das "den Autor der großen Schrift en von 1520" verraten habe, aber für die deutsche Geschichte so wichtig geworden sei. So ist auch die Charakterisierung Luthers, dieses so ganz und gar nicht "modernen" Menschen, als einer der "Väter der modernen Welt" zu lesen: Seine Worte und sein Verhalten hatten Konsequenzen, die er nicht beabsichtigte und die für die Formierung der "modernen Welt" konstitutiv waren.