Zwei Photos, lange her: Ein Mann in gebirgiger Landschaft steht auf einem Felsbrocken. Derselbe Mann, diesmal vor einer Kulisse hoher Bäume, posiert auf einem Weg aus flachen, roh behauenen Holzquadern, der sich über eine Wiese ins Bild schiebt. Dazu der Text: "A man climbs a mountain, because it is there." Eine Maxime von schlagender, naturwüchsiger Einfachheit, formuliert von Carl Andre 1969 im Katalog einer Ausstellung, die in die neuere Kunstgeschichte einging, weil sie zum erstenmal lapidare Haltungen und individuelle bildnerische Vorgänge zum Prinzip von Gegenwartskunst erklärte.

Eine "Addition von Erzählungen in Ich-Form" nannte damals, 1969, Harald Szeemann die von ihm eingerichtete Schau "When attitudes become form" in der Berner Kunsthalle. Es war eine europäisch-amerikanische Versammlung von Werken, die "aus dem Erlebnis des künstlerischen Vorgangs" entstanden waren. Dieser, erläuterte Szeemann, diktiere auch die Wahl des Materials und die Form des Werkes.

Das Material des 1935 geborenen Ostküstenamerikaners Carl Andre war ein rotes heimisches Zedernholz, waren Eisen und Stahl und andere Metalle wie Kupfer, Blei, Zinn, Zink und Aluminium, deren spezifische Eigenschaften und Farbabstufungen ihm fortan als Material, als Farbe und Form der Kunst dienten. Sein Fundus - und das war entscheidend - bestand aus vorgefertigten industriellen Metallrohformen und identisch zugeschnittenen Holzbalken; Materialien, die bis dahin für Kunst nicht benutzt worden waren. Ihre Form entsprach Andres Vorstellung, daß Skulptur "ein Weg" sei: Seine Module wuchsen als geometrische Strukturen aus dem Boden in den Raum hinein oder lagerten als begehbare (manchmal auch nur zu umgehende) Flächen in der Natur, auf urbanen Plätzen, in städtischen Räumen.

Natürlich lagen sie auch und gerade in Galerien und Museen, wo Besucher das Fremde, Neue, vom Ballast künstlerischer Ansprüche Befreite seiner Arbeiten um so direkter und überraschender erfuhren. Die stille Sprengkraft dieser Erfindungen lag nicht in ideologischen Attacken, sondern in der Einladung, eine neue sinnliche Erfahrung zu machen. Aus Intuition und Logik, aus einem besonderen Sinn für das Spielerische im Maßvollen, mit einem untergründigen Sinn für Harmonie schließlich baute Andre bis dahin Unbekanntes auf, zusammen.

Ein leiser Revolutionär. Einer, der auf eine akademische Ausbildung keinen Wert legte und dem Kunst zu machen eine heitere menschliche Erfahrung, ein Genuß, ja desire, ein Wunsch und eine Freude war und ist. Einer, der in Nachbarschaft zu seinem Künstlerfreund Frank Stella Kunst-Gewißheiten abbaute und aus der entstandenen, erwünschten Leere heraus eine neue Sprache fand. Einer, der Henry Moore zitiert und dessen Sinn für "die Lebendigkeit früher Erfahrungen" (und Materialien). Einer, der Holz und Metall, die Werkstoffe des Großvaters und Vaters, des Schreiners und Schiffbauers, sinnvoll einsetzte und mit äußerster Ökonomie zu räumlich-abstrakten Anordnungen fügte.

"Skulptur als Ort" entstand. Werke für eine jeweils spezifische Situation, die mit Ortsangaben und Daten in den Titel einging. Werke, die nicht beschreiben, die nicht etwas bedeuten, sondern existieren. Rechnerisch ausgeklügelte Gebilde mit einer rhythmisch-musikalischen Grundstruktur und einem auf den Menschen,der um die oder über die Skulptur geht, ausgerichteten Maßstab. Das ist augensinnlich, klangsinnlich und aktiviert das eigene Gefühl für den Körper, für Raum und Zeit. Das schafft vor allem als Großform zugleich auch Distanz und eine schweigende Feierlichkeit.

"Carl Andre Sculptor 1996" ist die Doppelausstellung überschrieben, die von den Museen Haus Lange und Haus Esters Krefeld sowie dem Kunstmuseum Wolfsburg gemeinsam veranstaltet werden und die zum erstenmal die Gelegenheit bieten, das Werk dieses Künstlers, dessen Ziele sich seit seinem Arbeitsbeginn in New York der fünfziger Jahre kaum verändert haben, gründlich zu betrachten, zu erfahren. Es ist eine Schau von großer Intensität, kein bloßer Rückblick auf Minimal Art spezieller Prägung, sondern der Triumph einer vom Kleinen ins Große beharrlich ausbalancierten bildnerischen Sprache.