Prag Es ist eine merkwürdige Stimmung, die sich im Prager "Klub Lavka" ausbreitet. Sie changiert, je nach Gesprächspartner, zwischen Ärger und Melancholie. Und sie entlädt sich in sarkastischen Bemerkungen: "Bald wird man wohl öffentlich daran erinnern, daß es nicht um die Beendigung eines Kriegszustandes geht." So spricht, an der Bar, ein Beamter des tschechischen Außenministeriums.

Tschechiens gesamte Staatsführung hat sich an diesem Abend im "Klub Lavka" versammelt. In der dunklen Disco-Katakombe plaudert Václav Klaus, der Ministerpräsident; ein paar Schritte daneben stehen der Parlamentspräsident und der Kulturminister. Václav Havel, der Präsident, sitzt ketterauchend an einem winzigen Kaffeehaustisch. In den sechziger Jahren hat er für die regimekritische Literaturzeitschrift tvár geschrieben, deren wichtigste Aufsätze nun als Buch vorgestellt werden - Grund genug für das kleine Familienfest der alten Dissidenz.

Ein schönes Fest, wäre da nicht diese deutsch-tschechische Krise, die gehörig auf die Stimmung drückt. Denn im "Klub Lavka" feiert ein Pulk Verlierer. Die Mehrheit dieser ehemaligen Dissidenten nämlich drängt nach Europa und versucht seit Jahren, den "unversöhnten Zustand" mit dem Nachbarn staatsoffiziell zu beenden. Nun müssen sie gewärtigen, daß Bonn auf sudetendeutsche Rückgabeansprüche noch immer nicht verzichten will.

Daran und an der Frage, wie die Vertreibung zu bewerten sei, ist eine "Gemeinsame Erklärung" der beiden Regierungen im Januar vorläufig gescheitert. Schlimmer noch: Der deutsche Außenminister hat Zweifel an der Rechtsgültigkeit des Potsdamer Abkommens von 1945 gesät. Seither erlebt Prag einen Klimasturz. Aus Opposition und einigen Medien erklingen vaterländische Choräle. Deutschland, ein altneues Trauma.

Die versammelten Versöhner im "Klub Lavka" finden sich in der Defensive wieder - drei Monate vor den Wahlen. Viele sehen sich um die Früchte sechsjähriger Vertrauensbildung in Sachen Deutschland gebracht. Beim Sekt schlägt einer vor, man solle zur Demo auf den Wenzelsplatz ziehen, sich unterhaken und gemeinsam rufen: "Scheiße! - Hoffnung! - Scheiße! - Hoffnung!"

Jiri Dienstbier, der ehemalige Außenminister, will gewählt werden. Diesmal werde seine kleine liberale Partei, so hofft er, die Fünfprozenthürde nehmen. Doch dann tat er vergangene Woche etwas, das Wahlkämpfer gewöhnlich vermeiden: Er hat die Wahrheit gesagt und sich damit womöglich seiner Chancen beraubt.

Weil er "Nationalismus verabscheut", nannte er in einer Fernsehdiskussion die Vertreibung der Sudetendeutschen "eine ethnische Säuberung". Seither steht Dienstbier unter Beschuß. Schon während der Sendung korrigierte Václav Klaus' Schulminister, das sei ein "zu starkes Wort für den Transfer", es habe allenfalls einen "ethnischen Schlüssel" gegeben. Für die linke Opposition hat Dienstbier gar "ins Gesicht aller tschechischen Nazi-Opfer gespuckt". Vergangenheitsbewältigung auf tschechisch.