Für einen Augenblick hielt die Dame ein und beugte sich diskret über den Nachbarn, der verwirrt zu ihr aufschaute: "Leider, leider", flüsterte sie, "werde ich Ihnen morgen nicht zuhören können: Koalitionsgespräche, Sie verstehen. Doch ich werde das Manuskript Ihres Vortrages sehr genau lesen." Sie hauchte noch ein "Bis bald", lächelte verhalten über die erste Reihe hinweg, dem Publikum zu, senkte den Kopf und trippelte so rasch davon, wie es der enge Schnitt des kleinen Schwarzen erlaubte.

Die Ministerin (Senatorin, Dezernentin, Staatssekretärin - was immer sie sein mochte) hatte mit so beschwörend-herzlichen Worten zum Symposium geladen: Es gelte, Schicksalsfragen zu prüfen, schrieb sie. Autoren von Gewicht, Professoren von internationaler Statur und bewährte Experten waren herbeigeeilt, manche von weit her, einer gar aus Amerika. Sie hatte bei einem Gläschen Sekt vor der Eröffnung aufmerksam mit jedem geplaudert, ihres ruhigen Charmes sicher. Sie hatte danach, mit einer Spur von liebenswerter Nervosität, ihre Begrüßungsworte kredenzt, und sie hatte dabei beunruhigende und dennoch vertraute Akkorde anzuschlagen vermocht: existentielle Ratlosigkeit - traumatische Erfahrung - Akzeptanzkrise - Solidaritätsangebot - Sinnstiftung - globale Herausforderung, von der wir ausgehen müssen und mit der wir umgehen können, denn es ist der Mensch, der im Mittelpunkt unserer Sorge steht.

Den erhellenden Vortrag des Nachbarn versäumte sie in der Tat. Die Koalitionsverhandlungen schleppten sich, wie der Kulturreferent mehrmals betonte, vom Vormittag in den Nachmittag und über das Abendessen mit handverlesenen Gästen hinaus bis in die tiefe Nacht. Auch bei der Schlußveranstaltung, zu der sich die Mitwirkenden unter dem Vorsitz eines prominenten Gelehrten (Koryphäe seiner Zunft, wie die Informierten raunten) noch einmal versammelten, um Bilanz zu ziehen, war die Ministerin (Senatorin, Dezernentin, Staatssekretärin) unglücklicherweise verhindert.

Sie ließ sich auf der Veranstaltung, die man die ihre nennen durfte, nach der Ouvertüre für keine Sekunde mehr blicken. "Es waren die denkbar schlechtesten Tage", seufzte sie lange danach bei einer Begegnung, die der Zufall arrangiert hatte. "Es war", stöhnte sie, "der Teufel los." Aber das ist er immer. "Alles ging drunter und drüber." Auch das der Normalfall. "Der Terminkalender war heillos durcheinandergeraten." So verhält es sich stets.

Wir sind es gewohnt. Wir nehmen es hin. Wir halten es für eine unumstößliche Regel, daß Mitmenschen, die das Hochplateau ministerieller

Würde erklimmen, durch stillen Konsens von der Verpflichtung zur Pünktlichkeit entbunden sind. Die Höflichkeit der Könige ist, es versteht sich, in der Republik obsolet. Minister treffen bei jeder Versammlung mit einer Verspätung von vierzig Minuten ein, obschon sie über modernste Verkehrsmittel wie Flugzeug oder Helikopter verfügen und per Automobil unter Polizeieskorte mit Blaulicht über die Autobahnen voranpreschen dürfen. Sie lassen auch die Wähler warten, von denen sie etwas wollen. Das muß so sein. Wir honorieren ja auch unsere Ärzte und Dentisten für die köstlichen Stunden, die wir in ihren Wartezimmern verhocken. Wir sind Patienten, keine Kunden. Patienten haben Zeit, Kunden keine.

Bürger haben Zeit zu haben. Die regierenden Mitbürger haben keine. Niemals. Der liebe Gott, falls er im Spiel ist, entzieht sie ihnen unerbittlich in dem Moment, in dem sie die Hand heben, um den Amtseid zu schwören. Er nimmt sie aber nur unseren Regenten. Nicht den Großmanagern, die weltweit über gewaltige Angestellten-Armeen gebieten und im Zweifelsfall unseren ganzen Staat aufkaufen könnten (wenn sich das lohnte) - jedes Bundesland sowieso. Einer der imposantesten jener Herren machte es sich einst zur Gewohnheit, die wichtige Post und die dringenden Fragen der Mitarbeiter mit knappen Briefen von eigener Hand zu beantworten: die freundlichste und effektivste Methode, verriet er einem Reporter, der es seinem Bundeskanzler weitersagte, einem höflichen Manne, der dennoch ein Demokrat war. Dem bereitete es ein Vergnügen, gewissermaßen handschriftlich zu reagieren, und er gewann dabei - hinter dem Rücken des lieben Gottes - die Zeit, die er sich anderswo lassen konnte, für Gespräche oder die Lektüre von Akten und Büchern.