Berlin/Potsdam Einheit - jetzt oder nie! rief der Fürst von Berlin. Da erbebte die alte Brandenburghalle im Schöneberger Rathaus vom Jubel der Geladenen. Sie kamen aus Ost und West, ganz wie es in dem neugeschaffnen Liede heißt, Bauern und Helden, andre im Purpurgewand / sahen den Zauber über diesem Land / voll von Geschichte und Harmonie / schön wie der Garten von Sanssouci.

Wir gehören zusammen! beschwor Eberhard Diepgen abermals. Ist nicht die Trennung geradezu eine Einladung, diese Grenze zu nutzen, und zwar zu nutzen durch Klein-, aber manchmal auch Großkriminelle? Wir müssen die Herzen gewinnen! Stolz sind die Berliner und die Brandenburger auf ihre Landschaft, ihre Dichter. Silhouette der Großstadt / Greta Garbos Geist / und Marlene kannst du spürn / Heimat von Ehre und Glück / Brandenburg und Berlin / heißt gemeinsam in die Zukunft zu gehn / wenn der Bär und der Adler / zusammen das Morgen bestehn.

Jetzt spricht Stolpe, der Brandenburger: Die verschiedenen Initiativen, die hier gestartet werden, geben uns die Möglichkeit, in aller Klarheit das zu sagen, was uns umtreibt und was wir selbst für wichtig halten und was jetzt auch in den kommenden Monaten gar nicht oft genug gesagt werden kann, denn in der Tat ist es einfach wichtig, ein Land zu bilden, und es wird damit Möglichkeiten geben, die bisher noch gar nicht voll zu umschreiben sind, die aber ganz sicher einen großen

Schub geben werden. Wir wollen endlich nachziehen zu den Realitäten, die jetzt schon bestehen, um es zu überwinden, daß in dem einen Boot, in dem wir sitzen, mit zwei Steuerrädern gearbeitet wird. Wir sollten aber die Realitäten ernst nehmen, die möglicherweise am 5. Mai in den Wahlkabinen die Hand falsch führen könnten. Der 5. Mai. An diesem Schicksalssonntag sind die Berliner und die Brandenburger aufgerufen, per Volksentscheid über die Zusammenlegung ihrer Länder zu befinden. Als Vollzugstermin stehen 1999 und 2002 zur Wahl. Die beiden Parlamente haben schon am 22. Juni 1995 zugestimmt. Seit der Verbindung zwischen Baden und Württemberg 1953 ist derlei in Deutschland nicht gelungen, obwohl Kleinstaaten wie das Saarland oder Bremen permanent am Bundestropf hängen.

Die Ehe von Metropolis und dünnbesiedeltem Flächenstaat scheint so problematisch wie plausibel. Energiekonzepte, Verkehrsentwicklung, Raumordnungsverfahren, Schul- und Gesundheitssysteme wären zu vereinen, Berlin und Brandenburg hätten nicht länger um Investoren zu konkurrieren. Leider suggeriert die Regierungspropaganda, all dies müsse im Paket beschlossen sein, bevor man es plant und erprobt. Wieder steht, mit dem Diktum von Günter Grass, die Einheit vor der Einigung. Der Normalbürger fühlt sich überstürzt von einer Flut verwaltungs- und tarifrechtlicher Informationen, der unweigerlich die Ebbe der Erkenntnis folgt. Zur Befeuchtung der trockenen Materie liefern Senats- und Staatskanzlei die Herzensergießungen der Wappentier-Folklore: Mit Bärchen und Adler gemeinsam vorwärts zum 5. Mai!

Das Ja der Berliner gilt als sicher, denn Berlin braucht Land. Anders die Brandenburger. Nur 42 Prozent sind laut Prognose willens, in den heiligen Stand der Länderehe zu treten. Die geballte Skepsis hört man auf der Brandenburger Straße, Potsdams Boulevard:

Nach vierzig Jahren DDR durften wir endlich Brandenburger sein, jetzt kommt uns wieder Berlin auf den Hals.