Ton an! Unwillkürlich ertappt man sich dabei, während der Parlamentsdebatte, die als Stummfilm über den Bildschirm flimmert, die Lautstärke hochzudrehen. Der "Graf" spricht. Mal hineinhören! Vorsorglich hat ihn Joschka Fischer schon einmal zum "liberalen Poltergeist der Vergangenheit" ernannt. Gerade hat die Nachricht noch einmal Wellen geschlagen, Otto Graf Lambsdorff, Jahrgang 1926, werde Ende des Jahres sein Amt als wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP aufgeben. Und in den Bundestag kehre er 1998 auch nicht mehr zurück.

Man weiß seit langem, wie er denkt. An seinen Ansichten hat man sich wohl auch öfter gerieben als berauscht. Seine Partei befindet sich in der Krise, mal wieder, und auch die beiden Ehrenvorsitzenden, Lambsdorff und Genscher, wissen kein Kraut dagegen. Und was macht dennoch neugierig? Es ist das Prinzipielle, das in der Beliebigkeits-Welt neuen Charme entfaltet.

Über dem Schreibtisch hängt ein Ölgemälde: Bismarck, selbstverständlich. Herrschaftlich, streng, alterslos blickt der Fürst. Auf einem kleinen Pult am Rande stehen Photos von Scheel, Kohl, Brandt. Und vielleicht noch der eine oder der andere. "Der Markt", hat Lambsdorff im Parlament verkündet, "ist nicht Willkür, der Markt ist ein Ordnungsprinzip. Wettbewerb ist nicht Catch-as-catch-can, sondern Regelwerk in einer sittlich gefestigten freien Ordnung." Da hat man den Politiker Lambsdorff in nur vier Zeilen. Markt ist für ihn viel mehr als die wuselige Welt von Beliebigkeit oder gar Chaos. Es ist ein Prinzip, dem fast alles unterliegt. Jedenfalls Wirtschaft und Politik, wenn nicht das ganze Leben. Die Welt des Otto Graf Lambsdorff ist streng geordnet.

Er hat sich den Ruf des "Marktgrafen" erobert, der für weniger Steuern, weniger Abgaben, weniger Staat ficht. Er ist einer, der mit Direktheit provoziert. Er sagt nie - und wo gäbe es das noch -: "Das dürfen Sie aber nicht schreiben!" Die Pose des Radikalen im Dienste der reinen Lehre liebt er wie die des Profis, der er auch ist. Autorität kommt nun einmal von Kompetenz. Dieser Profi hat nicht einmal darüber lange gejammert, daß seine Verwicklung in die Flick-Spendenaffäre ihn als Wirtschaftsminister um die Karriere brachte.

Aber hier geht es um anderes. Ja, sagt er, einer der "Mitmacher" dieses Landes, das sei er. Der Grundkonsens aber beruht auf etwas, das er ständig attackiert, auf dem Sozialstaat nämlich. Diese Konsensgesellschaft, seufzt Lambsdorff, wenn man ihn darauf anspricht, die geht ihm "gelegentlich auf den Keks". Aber er wisse genau, daß dieser Konsens eine Menge wert sei. Den sozialen Frieden habe er gesichert! Und das stehe nun auf dem Prüfstand. Zehn Prozent Arbeitslose? "Das ist das Menetekel an der Wand!"

Von da ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Frage, ob die ganze Sozialstaatkritik Lambsdorffs sich nicht insgeheim aus der Gewißheit speist, daß es genau dieses sozialstaatliche Fundament und den Grundkonsens darüber gibt. Und dies stellt der Polterer Lambsdorff auch gar nicht wirklich zur Disposition. Er hat sich rückversichert. Sollte er dementieren, wir würden es nicht glauben.

Genau an dieser Stelle aber muß man vermutlich den Unterschied zu jüngeren Liberalen suchen. Es ist nicht der Kapitalismus pur, auf den Lambsdorff seine Überzeugungen gründet. Eine Haiderisierung der FDP würde er ohnehin nicht akzeptieren. Aber er will auch nicht wirklich den "amerikanischen Weg" der neuen Republikaner- Generation gehen. Natürlich, den Entwurf eines Grundsatzprogramms aus dem Dehler-Haus findet er tendenziell richtig. Und der hat vieles, wie er weiß, aus dem Contract for America abgeleitet, der Kriegserklärung an die Staatsadresse, die Newt Gingrich ersann.