Als Ken Saro-Wiwa seiner Hinrichtung entgegensah, hat das Weltgewissen im Koma gelegen. Das sagte Wole Soyinka, Nigerianer und Nobelpreisträger für Literatur. Zu finden ist dieser Satz in dem Bändchen "Zum Beispiel Ken Saro-Wiwa" von Manfred Loimeier. Es ist ein Beitrag, die Erinnerung an einen Mann wachzuhalten, der die Welt erst bewegte, als er tot war - und dann auch nur für kurze Zeit. Ken Saro-Wiwa und acht Mitstreiter wurden am 10. November 1995 gehenkt, weil sie angeblich Morde im Ogoni-Land angestiftet hatten.

Zum einen: Das Buch ist eine Enttäuschung. Wer es liest, um den Menschen Ken Saro-Wiwa kennenzulernen, wird nicht genug finden. Nur wenige Seiten, vor allem am Anfang und am Schluß, erzählen etwas über diesen Schriftsteller aus Nigeria, der für die Rechte seines Ogoni-Volkes gekämpft hat. Ein paar Daten, die eine oder andere Station seines Lebens, seine Romane, Zitate. Nur flüchtig bleiben die Eindrücke persönlicher Begegnungen. Gerade davon hätte man gerne mehr gelesen, weil sie etwas von Ken Saro-Wiwa hätten lebendig machen können.

Zum anderen: Das Buch ist ein Gewinn. Es trägt nur den falschen Titel oder zumindest einen Titel, der falsche Erwartungen wecken kann. Denn eigentlich will Autor Loimeier nicht das Portrait eines Menschen liefern, sondern nachzeichnen, warum Saro-Wiwa und seine Gefährten sterben mußten. Und das gelingt ihm gut.

Wenn Bücher so prompt auf aktuelle Ereignisse reagieren, ist das einerseits ein Vorteil: Noch ist die Erinnerung wach, das Interesse vorhanden. Andererseits gibt es einen Nachteil: Die Leser wissen schon eine Menge aus den Medien. Zeitungen, Fernsehen und Hörfunk haben, nach dem Tod Ken Saro-Wiwas, ausführlich berichtet. Wer da noch Bücher verkaufen will, muß mehr bieten. Und das kann Loimeier, im Hauptberuf selbst Journalist, Redakteur beim Mannheimer Morgen und Mitarbeiter der Zeitschrift Africa International.

Zwar schöpft er selbst hauptsächlich aus Quellen, die auch anderen zugänglich waren: zum Beispiel ein Bericht der Weltbank, ein Report von Greenpeace, dazu Filmmaterial oder Zeitungsausschnitte. Aber die Stärke dieses Buches ist, daß es alle wichtigen Informationen an einem Ort versammelt. Es finden sich Daten und Fakten zur Ölförderung in Nigeria, zur Umweltverschmutzung im Ogoni-Land, zur Rolle von Shell, zum brutalen Regime General Abachas, zur Reaktion der Weltöffentlichkeit auf Todesurteile und Hinrichtungen. Und hin und wieder bietet das Buch auch Informationen, die man in Deutschland noch nicht gelesen hat, zum Beispiel Details vom ruchlosen Prozeß in Port Harcourt.

Schon der Umschlag verrät, daß Loimeier Shell in der Verantwortung für den Tod Saro-Wiwas und seiner acht Gefährten sieht. Da prangt groß das Markenzeichen des holländisch-britischen Konzerns, die Muschel, die aber nicht sauber ist, sondern von einer zähen Flüssigkeit verschmutzt. Es könnte Öl sein, es könnte Blut sein. Die Auseinandersetzung mit Shell ist der stärkste Teil des Buches. Punkt für Punkt knöpft sich Loimeier eine Anzeige vor, die Shell nach dem Tod Saro-Wiwas breit gestreut hat. Darin wollte sich der Konzern von Schuld und Verantwortung reinwaschen. Loimeier zeigt aber überzeugend, daß die Anzeige mindestens beschönigt, wenn nicht Unwahres verbreitet. So hat Shell behauptet, über hundert Millionen Dollar für umweltbezogene Projekte investiert zu haben. Das klingt gut, doch nach Loimeiers Informationen ging es dabei lediglich um den Austausch defekter Rohrleitungen.

Im Ton bleibt Loimeier nüchtern. Aufgefangen wird das durch zwei emotionale Beiträge Wole Soyinkas. Insgesamt ist das Buch eine gute Materialsammlung für Leute, die ihr Gewissen wachhalten wollen.