In der modernen, säkularisierten deutschen Geschichtsschreibung der Gegenwart werden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Kirchen und Konfessionen nur noch als periphere Erscheinungen wahrgenommen. Kurt Nowaks Buch "Geschichte des Christentums in Deutschland" fällt in dieser Hinsicht gänzlich aus dem Rahmen. Bei ihm stehen die Kirchen und Konfessionen nicht am Rande, sondern im Mittelpunkt der historischen Betrachtung.

Nowak, geboren 1942, lehrt Kirchengeschichte an der Universität Leipzig. Frühere Studien von ihm, die noch zur DDR-Zeit erschienen, befaßten sich mit den Themen "Schleiermacher und die Frühromantik", "Evangelische Kirche und Weimarer Republik" und "Euthanasie und Sterilisierung im Dritten Reich". Dieser biographische Hintergrund erklärt möglicherweise, warum der Autor mit einer geradezu frappierenden Unbefangenheit als erster eine Geschichte der Konfessionen in Deutschland vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts geschrieben hat.

Die Rolle der Kirchen in diesen zweihundert Jahren deutscher Geschichte war insgesamt eher reaktiv als aktiv. Den fortschrittlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts standen sie häufig ablehnend gegenüber: mit jeweils graduellen Unterschieden. Die deutschen Katholiken übernahmen weitgehend die Verurteilungen des Liberalismus und des "Fortschritts" in den Enzykliken mehrerer Päpste, so vor allem Pius' IX. ("Syllabus errorum", 1864). Liberale Katholiken hatten in ihrer Kirche oft einen schweren Stand. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, unter Papst Leo XIII., bahnte sich eine behutsame Öffnung gegenüber der Moderne an: Sie führte in Deutschland zu einer Annäherung von Katholizismus und Wilhelminischem Kaiserreich.

Die deutschen Protestanten des 19. Jahrhunderts, unter denen die "Kulturprotestanten" politisch mit den Liberalen, besonders den späteren Nationalliberalen der Bismarckzeit, sympathisierten, standen ihrerseits der sozialistischen Arbeiterbewegung entschieden ablehnend gegenüber, da diese Bewegung die enge Verbindung von Thron und Altar, die in Preußen bis 1918 bestand, bedrohte, während es dem Katholizismus gelang, einen Teil der deutschen Arbeiterbewegung, vor allem im Ruhrgebiet, in Schlesien und im Saarland, über die chris tlichen Gewerkschaften für sich zu gewinnen. Von Schleiermacher ("Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern", 1799) bis zu Harnack ("Das Wesen des Christentums", 1900) fanden sich immer wieder hervorragende liberale evangelische Theologen, die eine Öffnung der Kirche und der Theologie gegenüber der Moderne in Kultur und Wissenschaft suchten, während die katholische Kirche den Erscheinungsformen der Moderne, übrigens auch dem modernen Nationalismus, mißtraute, in die Defensive ging und aus dieser Haltung beispielsweis e die Geistlichen 1910 auf den "Antimodernisteneid" verpflichtete.

Als dann im 20. Jahrhundert neue Strömungen aufkamen, für die Karl Dietrich Bracher die Formulierung vom "Zeitalter der Ideologien" geprägt hat, lassen sich der kirchlichen Abwehrhaltung auch positive Züge abgewinnen: Die Kirchen waren die einzigen Großgruppen, die während der NS-Zeit weiterbestanden und die überlebten. Es gab in beiden Konfessionen Anfälligkeiten gegenüber dem nationalsozialistischen "Zeitgeist", es gab Anbiederungen an die Mächtigen, es gab eine begrenzte Zustimmung zu den außenpolitischen Zielen des Nationalsozialismus, es gab insgesamt keinen politischen Widerstand aus den Kirchen, sondern nur Teilwiderstände. Es gab die nationalsozialistisch orientierten "Deutschen Christen" im Protestantismus neben der "Bekennenden Kirche", die übrigens beide nicht die jeweilige kirchliche Mehrheit repräsentierten: Aber tatsächlich war die Kluft zwischen dem nationalsozialistischen "Neuheidentum" und dem christlichen Glauben der Kirchen unüberbrückbar. Die Hohlheit nationalsozialistischer Kultveranstaltungen konnte dem kirchlichen Leben und Feiern keinen wirklichen Abbruch tun, ja die Kirchen wurden sogar seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, wie Nowak schreibt, zunehmend wieder als Halt empfunden.

So standen sie nach 1945 unerwartet positiv da und wurden von den alliierten Besatzungsmächten als Partner akzeptiert. Die kirchlichen Vertreter der Deutschen wurden früher als die deutschen Politiker wieder in die übernationalen Gemeinschaften des Protestantismus und Katholizismus aufgenommen. Die Gründung der CDU, die beide Konfessionen vereinte, erklärt sich aus dieser Nachkriegskonstellation.

Nach 1945 tat sich der deutsche Katholizismus leichter als der Protestantismus, deutsche Schuld anzuerkennen. Die Fuldaer Bischofskonferenz erklärte im August 1945: "Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und Würde gleichgültig geblieben, viele leisteten durch ihre Haltung dem Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden." Dagegen ging, so Nowak, in der Stuttgarter Schulderklärung des Rates der Evangelischen Kirche vom Oktober 1945 "die bei den katholischen Bischöfen sichtbare Differenzierung der moralischen, der juristischen, der theologischen und der politischen Aspekte . . . in den Tönen der Reue und der neuen Hoffnung auf Gott unter".