Mit den heutigen Computern mag Ted Nelson sich erst gar nicht abgeben. "Lausige Geräte", sagt er, "für alles gut außer für das Nächstliegende." Da weiß er Beispiele noch und noch, und wer ihm zuhört, wird schwach im Glauben: Vielleicht taugen ja die Computer nicht einmal zum Schreiben so recht. Man markiert einen Absatz, schneidet ihn aus, um ihn zu verschieben, und er ist verschwunden. "Unfaßbar", sagt Nelson, "ich kann nicht sehen, was ich ausgeschnitten habe! Warum nicht? Warum kann ich nicht einfach ein paar Schnipsel vor mir herumschieben? Nur weil ein paar verdammte Ingenieure mir sagen, das sei eben nicht üblich?"

Die Ingenieure, die Programmierer, das sind die Gegenspieler von Ted Nelson auf Erden. Sie schrauben ihre Geräte zusammen, bis sie halbwegs laufen, dann murmeln sie was von Zwischenablage und Speicherverwaltung und daß man das schon begreifen müsse. Nelson dagegen will leichtgängige Geräte, mit Gefühl zu steuern. Geräte, die dem Gang der Gedanken folgen. "Man liest in dem einen Bildschirmfenster einen Brief. Ins Fenster daneben schreibt man ein paar Anmerkungen. Nun will man beides mit einer Linie verbinden. Es geht nicht. Seit zwanzig Jahren kommt man über diese Fenstergrenzen nicht hinaus! Ist das nicht lausig?"

Ted Nelson, Wissenschaftler, Erfinder, Computerpionier, hat auf einer seiner vielen Vortragsreisen Zwischenhalt bei der ZEIT gemacht. Ein leutseliger Herr; wie immer hat er die kleine Videokamera dabei, mit der er alles für sich aufzeichnet, was auch nur annähernd von Bedeutung sein könnte. Hie und da macht er einen Schwenk über den Raum und sieht nach, ob die Kassette in seinem Bandgerät noch läuft. Zeitlebens peinigt ihn die Vorstellung, es könnte etwas Wertvolles verlorengehen. In der Tat leidet Nelson an einer seltenen Gedächtnisstörung; unterbricht man ihn im Satz, so verliert er leicht die Orientierung. Der Fachausdruck lautet Attention Deficit Disorder (ADD); vielleicht nur ein anderes Wort für Rastlosigkeit.

Schon zu Beginn seines Studiums in Harvard hatte er die Idee, die ihn bis heute umtreibt: Man müßte Textstellen beliebig verknüpfen können mit anderen Texten oder auch mit eigenen Anmerkungen. Es war ein Traum von einem Universum aus lauter Texten, immer dichter geknüpft und allen zugänglich: Denkwerkzeug und Menschheitsgedächtnis zugleich. Er überlegte hin und her, wie so etwas zu verwirklichen sei, das Ergebnis nannte er Hypertext. Das war 1965.

Andere haben Nelsons Pläne bald umgesetzt in Programme, während der Meister schon wieder unterwegs war zu neuen Aufgaben: Es werden kleine Computer aufkommen, sagte er, die man zu Hause herumstehen hat, man wird sie anschließen an weltumspannende Netze, und in diesen Netzen wird publizieren können, wer immer sich berufen fühlt.

Heute haben wir das World Wide Web, und seine ganze Herrlichkeit beruht auf der Idee vom Hypertext: Man klickt auf einen markierten Begriff, schon erscheint das Dokument, das damit verknüpft ist, gleich auf welchem Netzcomputer es lagert. Auf diese Weise kommt man bequem herum.

"So kann es aber auf Dauer nicht funktionieren", sagt nun Nelson. "Niemand hat sich bisher um die Rechte der Urheber gekümmert." In dieser Hinsicht ist die Lage tatsächlich desperat. Autoren ohne Zahl stünden bereit, das Web mit Texten, Bildern, Musik oder Software zu füllen, aber niemand weiß, wie sie zu ihrem Geld kommen sollen. "Die könnten ihre Sachen ebensogut an der nächsten Straßenecke verschenken", sagt Nelson.