Eisleben, ein Wort wie von Luther. In Eisleben, einer kleinen Stadt rund dreißig Kilometer westlich von Halle, wurde Martin Luther geboren. Das war am 10. November 1483. In Eisleben wurde Luther geboren, im Winter, in Eisleben starb Luther, im Winter. Das war am 18. Februar 1546. Ein Leben lang war er nie wieder in dieser Stadt gewesen. "Alt, abgelebt, müde, kalt und nun gar halbblind schreibe ich Euch als einer, der erhofft hat, es werde ihm als einem Erstorbenen die gerechte Ruhe vergönnt werden", schrieb Luther am 17. Januar 1546, als ihn die Aufforderung erreichte, von Wittenberg nach Eisleben zu kommen, um dort einen Erbstreit der Grafen Mansfeld beizulegen. Natürlich bekam seinem kranken Leib die Winterreise nicht, zu der er am 23. Januar aufgebrochen war. Am 16. Februar konnte er die gräflichen Querelen ausräumen, zwei Tage später starb er an dem Ort, an dem er geboren und in den er widerstrebend zielbewußt zurückgekehrt war. An seine Frau Käthe, die sich in Wittenberg Sorgen machte um ihn, hatte er am 7. Februar geschrieben: "Ich habe einen besseren Sorger denn du und die Engel sind, der liegt in der Krippen und hängt an einer Jungfrau Zitzen, der sitzt gleichzeitig zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters."

Eisleben im Winter, ein protestantischer Pleonasmus. Vor dem Städtchen die Halden des Kupferschieferbergbaus, der früher für Einkommen und Ansehen sorgte. Im Ort selber ist alles nah beieinander, überschaubar, wohl aufgeräumt der Markt mit seinem spätgotischen Rathaus und den ums Quadrat aufgereihten alten Fassaden, einem großen Bronze-Luther in der Mitte. Nur über der Lenin-Buchhandlung ist der Namensgeber wegen Entfernung der Buchstaben zum Schatten seiner selbst geworden. Am Eingang von Eisleben das in den Dimensionen bescheidene Geburtshaus, das nach einem großen Stadtbrand 1693 im Barockstil erneuert wurde, und gleich daneben die St.-Petri-Pauli-Kirche, in der Luther getauft wurde. Über den Markt hinweg und leicht bergan das großbürgerliche Haus mit dem getäfelten Zimmer, in dem Luther starb, gleich gegenüber der Marktkirche. In dieser hielt er seine vier letzten Predigten, hier wurde der Leichnam aufgebahrt vor der endgültigen Winterreise, der Rückkehr nach Wittenberg.

Natürlich ist Eisleben die Lutherstadt. Natürlich ist Wittenberg die Lutherstadt. Natürlich ist jede es zu Recht und in einem Wort und mit Poststempel. Wittenberg ist allerdings auch noch eine Cranach-Stadt, war einmal eine Universitätsstadt. Zur Lutherzeit lebten, dank der Flut der reformatorischen Schriften und Holzstiche, zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung vom druckgraphischen Gewerbe. Cranach wurde darüber zum reichen Mann, nur Luther, der Autor und Übersetzer, verdiente nichts.

Im Fremdenverkehrsbüro hat man die Druckwerkephase gerade hinter sich und hebt ab in den touristischen Cyberspace. Zugegeben, der 450. Todestag ist etwas "sensibel". Aber gelebt hat der Mann ja schließlich auch. Und wie! Ganze 42 Programme hat man ausgearbeitet, von einer Stunde bis zu elf Tagen kann der Luthertourist betreut und programmiert werden, knapp tausend Bettdecken sind aufgeschüttelt. Es gibt Luther-Brot genannte Schokoladenlebkuchen und Luther- Schnaps zu kaufen. Vom 7. bis zum 9. Juni wird es, das hat man in den Vorjahren schon erfolgreich geprobt, ein Altstadtfest geben, das "Luthers Hochzeit" heißt und nachstellt, eine Trabi-Safari ist im Angebot für Menschen, die eher an jüngerer Geschichte interessiert sind, Piktogramme helfen bei der Orientierung, denn "auch der Chinese will uns noch finden".

Die Orientierung ist, auch ohne Piktogramme, kein Problem, denn Luthers Wittenberg spielt sich entlang einer Straße ab, die herunterzugehen circa fünfzehn Minuten dauert. Es ist die Collegienstraße, die später Schloßstraße heißt. Sie beginnt am einen Ende mit dem Lutherhaus und führt über das Melanchthonhaus und das Universitätsgebäude zu den Cranachhöfen am Markt (ein vorübergehender Blick nach rechts fällt auf das Rathaus, vor dem Luther und Melanchthon postiert sind) und schließlich zur Schloßkirche. Im Gebäudekomplex des Lutherhauses ist heute das Evangelische Predigerseminar untergebracht, in dem Lutherhalle genannten Trakt eine eindrucksvolle Dauerausstellung zur Reformationsgeschichte installiert, der größere und schönere Teil der hauseigenen Sammlung, zu der etwa 15 000 Druckschriften, 12 000 Graphiken, 8000 Handschriften und 150 Bilder gehören. Im Lutherhaus gibt es eine dunkel-gemütliche große Lutherstube, ein kleines Studierzimmer, den Saal, in dem er gelehrt hat und in dem heute vorgetragen wird. Cranachs Tafel der Zehn Gebote hängt richtungweisend an der Wand.

Hier hat Luther von 1511 bis zu seinem Tode gelebt. Als Magister Artium der Erfurter Universität, der in den sieben Freien Künsten (Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Dialektik, Rhetorik) promoviert war, und als Mönch des Erfurter Bettelordens der Augustiner Eremiten war er 1508 zum erstenmal nach Wittenberg gekommen und hatte an der neu gegründeten Universität den Lehrstuhl für Moralphilosophie übernommen. Im Jahr 1511 wurde er endgültig von seinem Orden als Subprior nach Wittenberg versetzt und lehrte Theologie. 1512 wurde er Doktor der Theologie. Der Vater, ein selbstbewußter Bergmann und strenger Paterfamilias, konnte es auch jetzt noch nicht akzeptieren, daß der Sohn nicht, wie befohlen, das Studium der Rechte gewählt hatte. Im Jahr 1525, die Welt des christlichen Glaubens war inzwischen dank seiner Tat- und Wortkraft aus den Fugen geraten, heiratete Luther die ehemalige Zisterziensernonne Katharina von Bora, die säkularisierten Klostergebäude, die ihm der Kurfürst später schenkte, füllten sich mit Kindern (Großvater Luther war endlich versöhnt), Verwandten, Freunden, Studenten und durchreisenden Gästen. "Herr Käthe", wie Luther gelegentlich sagte, hatte einen mittelgroßen Betrieb inklusive Gärtnerei, Tierhaltung, Bäckerei und Brauerei zu leiten. "Im ersten Jahr des Ehestands", schrieb Luther später, "hat einer seltsame Gedanken. Wenn er über tisch sitzt, so gedenkt er: Vorhin warst du allein, nun aber bist du selbander, im Bett, wenn er erwacht, sieht er ein Paar Zöpfe neben ihm liegen, das er vorhin nicht sah."

Ein paar Meter entfernt nur vom Lutherhaus das Melanchthonhaus, ein schmaler, hoher Bau mit aufgesetztem Renaissancegiebel, und wenn man es nicht wüßte, könnte man behaupten, daß der gelehrte Humanist mit der hohen Stirn und den tiefliegenden Augen nur in diesem feingliedrigen Haus hatte wohnen, studieren, schreiben können. Für Luther war der junge Kollege, der 1518 mit 21 Jahren als Professor für Griechisch nach Wittenberg kam, der das Erziehungswesen aufbaute und die Wittenberger Universität zum Vorbild protestantischer Hochschulen machte, der in seiner Abhandlung "Loci communes rerum theologicarum" 1521 die Theorie der Reformation formulierte, ein trotz wachsender Differenzen enger Freund. "Lernt Griechisch zum Lateinischen", hatte Melanchthon in seiner Antrittsvorlesung gesagt, "damit ihr die Philosophen, die Theologen, die Geschichtsschreiber, die Redner, die Dichter lest, bis zur Sache selbst vordringt, nicht ihre Schatten umarmt." Wie klang das Plädoyer für die Sprache im Luther-Deutsch? "Die Sprachen sind die Scheiden, darin das Messer des Geistes steckt".