I.Daß man die 450. Wiederkehr des Todestages eines bedeutenden Menschen zum Anlaß nimmt, seiner zu gedenken, und das auch noch ein ganzes Jahr lang, gehört zu den makabren Eigentümlichkeiten einer Kultur, deren nekrophile Züge sich mehren. Christlich ist das jedenfalls nicht. "Laßt die Toten ihre Toten begraben" - Jesu provozierende Absage an jede Art von Totenkult und Heldenverehrung möge denn auch anno 1996 die liebe Christenheit - und so auch den Verfasser dieser Zeilen - davor bewahren, den 450. Todestag Martin Luthers für irgendeine Art von Verehrung verstorbener Helden zu mißbrauchen. Und wenn man schon nicht umhin kann, diesem Toten auch in der weltlichen Presse etwas nachzurufen, dann soll es wenigstens ein Ruf nach vorn sein: vom Tode weg, zugunsten des Lebens.

Deshalb sofort einige etwas lockere Mitteilungen über Luthers Umgang mit seinem eigenen Tod, sozusagen zur Einübung in ein bitterernstes Thema: bitterernst nicht nur, weil es zugleich um das Verhältnis des Menschen zu seinem Tod, sondern mehr noch, weil es zugleich um des Menschen Verhältnis zu Gott geht. Es gehört zum Ureigensten seines persönlichen Glaubens und seiner dem Glauben aller Christen geltenden Theologie, daß Luther auf Bitterernstes mit befreiendem Lachen zu reagieren vermochte.

Als ihm eine infame Lügenschrift über sein angeblich gotteslästerliches Sterben und seine anschließende Höllenfahrt zu Gesicht kam, da quittierte der für tot Erklärte: Er, Martinus Luther, bezeuge den Empfang der Nachricht von seinem Tod und habe sie "fast gern und fröhlich gelesen"; ja, er fühle sich dadurch "sanft auf der rechten Kniescheibe und an der linken Ferse" gekitzelt.

Auch während seiner letzten, durch einen Erbstreit der Mansfelder Grafen veranlaßten Reise in seine Geburtsstadt Eisleben, von der er nicht mehr lebend zurückkehren sollte, hat Luther nicht ohne Humor auf die Möglichkeit des eigenen Todes angespielt. Als er in der Begleitung seiner drei Söhne und seines Freundes Justus Jonas auf einem Kahn die reißendes Hochwasser führende Saale überquerte, spottete er angesichts der nicht ungefährlichen Situation: "Wäre das dem Teufel nicht ein fein Wohlgefallen, wenn ich, D. Martinus, mit drei Söhnen und Euch im Wasser ersöffe!" Und noch an seinem letzten Abend bemerkte Luther, er wolle nach Abschluß seiner Vermittlungstätigkeit heimziehen nach Wittenberg, sich dann in den Sarg legen "und den Würmern einen guten feisten Doktor zu verzehren geben".

Das sich in solchen Äußerungen ausdrückende, sagen wir einmal: relativ entspannte Verhältnis Luthers zum Tod hat allerdings noch eine andere, eher unfreiwillig komische Seite. Will der Reformator doch das Sterben des ihm feindlich gesonnenen Herzogs Georg von Sachsen dadurch selbst herbeigeführt haben, daß er den Fürsten regelrecht zu Tode gebetet habe. Und den zwei ihm ebenfalls feindlich gesonnenen Räten des neuen Herzogs Moritz stellte er das gleiche in Aussicht: "Ich habe", heißt es in einer Tischrede aus dem Jahre 1542, "den Herzog Georg zu Tode gebetet; und wir wollen Karlewitz und Pistorius", seine Räte, "in einem Jahr zu Tode beten."

Wenn es indessen ernst, existentiell ernst wurde, wenn der Tod ihm einen geliebten Menschen raubte, dann legte sich über das relativ entspannte Verhältnis zum Tod empfindlichste Betroffenheit. Als seine kaum acht Monate alt gewordene Tochter Elisabeth gestorben war, schrieb er an den Freund Nikolaus Hausmann: "Sie hat mir ein seltsam bekümmertes, beinahe weibliches Herz zurückgelassen, so sehr jammerte mich ihrer." Und als auch Freund Hausmann vom Tode ereilt wurde, da wagte man das Luther zunächst nicht einmal mitzuteilen, so sehr war man um ihn besorgt. Als ihm die traurige Nachricht dann doch eröffnet wurde, weinte er den ganzen Tag lang. Besonders traf ihn der Tod der geliebten Tochter Magdalena. Den ihn überfallenden Schmerz konnte, so klagte er, "nicht einmal Christi Tod . . . so völlig, wie es sein sollte, . . . überwinden". Erst "durch eine Art von schnaubendem Zorn gegen den Tod" seien "die Tränen gestillt" worden.

II.Schnaubender Zorn gegen den Tod - das war nicht nur ein Temperamentsausbruch. Das Zürnen gegen den Tod wußte sich vielmehr gegen diesen letzten Feind im Recht. Es war begründet in der Gewißheit des Glaubens, daß "der Tod seine Strafe schon finden wird an jenem Tage". Hatte doch der Tod für die Glaubenden seinen Rechtsanspruch an den Menschen bereits verloren. War doch der Tod selbst - ein Kernsatz der Theologie Martin Luthers - am Kreuz Jesu Christi Rechtens, nämlich kraft göttlichen Rechtes zum Tode verurteilt worden.