Alltag auf der Plaza de Armas in der peruanischen Andenstadt Ayacucho. Eine Quechua-Indianerin in knielangem, abstehendem Rock, die Zöpfe auf dem Rücken zusammengebunden, kommt vom Markt zurück. Im einen Arm hält sie ein Kind, im anderen ein Paket Schafskäse. Ein Pulk Studenten strömt lachend und schwatzend aus der Fakultät der Schönen Künste, einem Kolonialbau mit Holzbalkonen. Aus einem Gebäude an der Kathedrale lehnt Bürgermeister Walter Ascarza Olivares (38) aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, blickt auf die belebte Plaza, hinter der sich gelbbraun die Andengipfel erheben, und sagt: "Vierzehn Jahre regierten in unserer Stadt Terror, Mord und Folter. Doch jetzt erwacht Ayacucho aus dem Trauma."

Rund anderthalb Jahrzehnte lang galt die hübsche Stadt mit ihrer gut erhaltenen Kolonialarchitektur, ihren grünen Plätzen und 33 alten Kirchen als Hauptstadt des Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades. In der Abgeschiedenheit Ayacuchos, 570 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Lima und 600 Kilometer nordwestlich der Touristenhochburg Cuzco, auf 2761 Meter Höhe eingeschlossen in den Zentralen Anden, begann der spätere Guerillachef Abimael Guzman in den sechziger Jahren mit dem Aufbau seiner maoistischen Gruppe. In der Universität San Cristobal de Huamanga, vor deren Säulengängen sich heute Besucher zum Gruppenphoto aufstellen, scharte der Philosophieprofessor Guzman seine Anhänger um sich.

Nach zehn Jahren friedlichen Aufbaus rief die Vereinigung Sendero Luminoso am 17. Mai 1980 zum bewaffneten Kampf auf. Einem Datum, das für die Bürger von Ayacucho den Beginn eines langen Leidensweges markiert. Terroranschläge, Entführungen, Folter und Hinrichtung von angeblichen Verrätern in der Stadt selbst und später vor allem in den Dörfern der Provinz Ayacucho bestimmten fortan ihr Leben. Der damalige Präsident Fernando Belaunde Terry erklärte Ayacucho zum Notstandsgebiet, ersetzte die zivile Verwaltung durch einen Militärkommandanten und beauftragte die Marines, das berühmte Elitekorps des peruanischen Heeres, das auszumerzen, was er die "soziale Krankheit Ayacuchos" nannte. Der peruanische Journalist Raul Gonzales kommentiert das militärische Vorgehen in Ayacucho so: "Sie legten das Meer trocken, um Fische zu fangen."

Walter Ascarza Olivares tritt vom Fenster seines Arbeitszimmers zurück, streicht mit der Hand durch seine dunklen Haare und sagt: "Die Bürger von Ayacucho haben unter dem Terror von beiden Seiten gelitten, unter dem der Senderistas in gleicher Weise wie unter dem des Militärs." In Ayacucho, so der Bürgermeister, hätten Terrorismus und Antiterroraktionen des Staates landesweit die meisten Opfer gefordert. In Peru seien insgesamt rund 25 000 Menschen gestorben, "in unserer kleinen Stadt mindestens 5000". Hinzu kämen Tausende von "Verschwundenen": Zivilisten aus Ayacucho, die eines Tages vom Leuchtenden Pfad oder von Militärs zu "Verhören" abgeholt wurden und nie wieder zurückkehrten. Dies alles habe bei den Einwohnern tiefe Spuren hinterlassen. Viele wagten bis heute nicht, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sie litten unter Angstzuständen und Depressionen.

Zu diesen Folgen kämen noch die wirtschaftlichen. Tausende wohlhabender Ayacuchanos hätten ihre Häuser und Geschäfte verkauft und seien nach Lima oder ins Ausland geflohen. Ayacucho, das traditionell vom Tourismus, von Keramikarbeiten, Teppichweberei und anderem Kunsthandwerk gelebt hatte, war ökonomisch am Ende.

"Bis vor zwei Jahren war es hier sehr einsam", sagt Aniceto Quispe Cabero (71), der einzige Wächter an den Ruinen der alten Wari-Kultur, und lehnt sich an die schiefe Steinwand seiner Hütte. "Oft kam monatelang kein Besucher." Heute verkauft er fast jeden Tag Eintrittskarten an Touristen, die sich die weitverstreuten Reste der ehemaligen Hauptstadt des Wari-Großreiches anschauen wollen. Zwischen gelbblühenden Kakteenwäldern und bizarr verästelten Bäumen erheben sich Mauern, Häuserruinen und Verteidigungsanlagen. Die einheimischen Reiseführer erzählen den Fremden, was sie über die kaum erforschte Vorgängerkultur der Inka wissen. Bald soll in Ayacucho auch ein neues Museum über die Wari eröffnet werden.

An kleinen, aber fein ausgestatteten Museen mangelt es Ayacucho jetzt schon nicht. Da gibt es zum Beispiel das Historische Museum, das Anthropologische Museum und das in einem wunderschönen Bürgerhaus untergebrachte Militärmuseum mit einer Sammlung kolonialer Möbel, Malereien und Meisterwerken einheimischer Töpferkunst. Hier wie in der Kathedrale aus dem 17. Jahrhundert mit ihren überragenden Goldaltären und in den zahlreichen sehenswerten Kirchen (unter anderem Santa Clara, Santo Domingo, Santa Teresa, La Merced und Compania de Jesúùús) ist auf die angegebenen Öffnungszeiten nicht unbedingt Verlaß. Doch Besuchern wird meist schnell und unbürokratisch geholfen. Die Pater im Franziskanerkloster machen gerne Privatführungen, und die Fremdenpolizei organisiert schon mal den Kirchenschlüssel, indem sie einen Laufboten losschickt.