Als ich noch zur Schule ging, vergnügten wir uns mit Phantasien über eine Chemikalie, die wir Universalsäure nannten. Diese ätzende Flüssigkeit frißt sich durch alles hindurch. Das Hauptproblem lautet: Worin soll man sie aufbewahren? Glasflaschen und rostfreie Stahlbehälter löst sie auf, als wären es Papiertüten. Was geschähe, wenn jemand ein Quantum Universalsäure fände? Würde der ganze Planet zerstört? Wenn nicht - was bliebe übrig? Unsere Spekulationen waren ein Zeitvertreib; niemand glaubte, einen solch ätzenden Stoff gebe es wirklich.

Aber nur wenige Jahre später traf ich auf etwas, das der Universalsäure äußerst nahe kam. Es ist keine Chemikalie, sondern ein Gedanke, der sich praktisch durch jeden traditionellen Begriff frißt und eine revolutionierte Weltsicht hinterläßt. Es war der Gedanke, den Charles Darwin 1859 in eine arglose Welt entließ. Ich war nicht der erste, der sah, daß dies gefährliche Materie war. Seit der Veröffentlichung von "Der Ursprung der Arten" hat Darwins Grundgedanke intensive Reaktionen ausgelöst, von wütender Verdammung bis zu ekstatischer Zustimmung. Darwins Theorie wurde von Freund und Feind gleichermaßen mißbraucht und falsch dargestellt. Zu Unrecht wurde sie verwendet, um erschreckenden politischen und sozialen Lehren einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen. Ihre Gegner prangerten sie in verzerrter Form an, und einige wollten ihr in den Schulen sogar eine "Schöpfungswissenschaft" entgegenstellen, ein klägliches Sammelsurium aus frommer Pseudowissenschaft.

Die Darwinsche Theorie ist mehr als eine große wissenschaftliche Theorie. Die Schöpfungsgläubigen, die sie so erbittert bekämpfen, haben in einem recht: Darwins gefährlicher Gedanke hat sich viel tiefer in unsere grundlegendsten Überzeugungen hineingefressen, als viele seiner Anhänger zugeben mochten. Selbst heute, über ein Jahrhundert nach Darwins Tod, sind viele Menschen noch immer nicht mit den sinnverwirrenden Implikationen dieser Theorie im reinen. Vielleicht, so denken sie, ließen sich jene Teile Darwinschen Denkens, die wirklich bestätigt sind, von den eher spekulativen trennen. Vielleicht zeige sich dann, daß die überprüften Fakten gar keine erschreckenden Folgen für die Religion, das Wesen des Menschen oder die Bedeutung des Lebens hätten, während jene anderen Gedanken, von denen die Menschen sich so erregen lassen, als umstrittene Erweiterungen unter Quarantäne gestellt werden könnten, als bloße Interpretationen der wissenschaftlich unwiderstehlichen Bestandteile. Das wäre eine Beruhigung.

Aber ach, das alles ist überholt. Gegenwärtig toben in der Evolutionstheorie zwar heftige Kontroversen, vor allem um Fragen der "reinen Wissenschaft". Aber egal, wer siegt: Das Ergebnis wird an der Gültigkeit des Darwinschen Grundgedankens nichts ändern. Dieser Gedanke, so gesichert wie nur einer in der Wissenschaft, hat weitreichende Implikationen für die Sicht dessen, was die Bedeutung des Lebens ist oder sein könnte. Unter anderem hat Darwin den Sinn dieser Frage und ihrer Antwort verändert. Warum?

Um zu erkennen, wie tief Darwins Universalsäure sich in die intellektuelle Landschaft geätzt hat, sollte man vielleicht die Welt betrachten, wie sie aussah, bevor Darwin sie umwälzte. Eine Passage des englischen Philosophen John Locke in seinem "Versuch über den menschlichen Verstand" von 1690 illustriert perfekt die begriffliche Blockade vor der Darwinschen Revolution: "Stellen wir uns ein beliebiges Stück Materie, es mag groß oder klein sein, als ewig vor, so werden wir finden, daß es von sich aus unfähig ist, irgend etwas zu erzeugen . . . Die Materie kann also nicht einmal aus eigener Kraft Bewegung in sich erzeugen: Die Bewegung, die sie hat, muß entweder gleichfalls von Ewigkeit her bestehen oder aber von einem anderen Wesen, das mächtiger ist als die Materie, erzeugt und ihr mitgeteilt sein . . . Nehmen wir nun an, daß auch die Bewegung ewig sei; dann könnte doch die Materie - die nicht denkende Materie und Bewegung - niemals das Denken erzeugen, gleichviel, welche Veränderungen von Gestalt und Größe sie auch hervorrufen mag. . . . Wenn wir nur Materie und Bewegung als erstes oder ewiges annehmen, so kann das Denken niemals zu sein beginnen."

Modernen Lesern mag diese Argumentation eigenartig vorkommen, aber Locke selbst glaubte seine Leser lediglich an etwas Offensichtliches zu erinnern: Der Geist muß als erstes kommen oder mindestens mit als erstes. Und so dachten viele glänzende Denker vor Darwin. Locke beschwor eine besonders abstrakte Version der Hierarchie, die ich als die kosmische Pyramide bezeichnen werde: Gott, Geist, Plan, Ordnung, Chaos, Nichts. Alles findet irgendwo in der Pyramide seinen Platz - selbst das blanke Nichts, das letztendliche Fundament. Nicht alle Materie ist geordnet; manches befindet sich im Chaos; nur ein Teil der geordneten Materie entspringt einem Plan; nur einige geplante Dinge besitzen Geist; und natürlich ist nur ein einziger Geist Gott. Wo liegt der Unterschied zwischen Ordnung und Plan?

Zunächst würde ich es damit versuchen, Ordnung sei bloße Regelmäßigkeit, reines Muster; der Plan spiegelt eine Nutzung der Ordnung zu einem Zweck. Das Sonnensystem zeigt eine verblüffende Ordnung, besitzt aber (anscheinend) keinen Zweck. Ein Auge dagegen ist zum Sehen da. Vor Darwin war der Unterschied nicht immer deutlich markiert, aber er machte die Unterscheidung klar. Gebt mir Ordnung und Zeit, sagte er, dann gebe ich euch einen Plan - ohne Zutun des Geistes.