Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, aber kaum jemand in Polen scheint so recht zu wissen, wozu das umgerechnet dreißig Millionen Mark teure Vorhaben eigentlich gut sein soll. Die Nation ist aufgerufen, am 18. Februar in einem Referendum über das zukünftige Modell der Privatisierung zu entscheiden. Doch drei Wochen vor diesem Datum, so Ergebnisse von Umfragen, hatte knapp die Hälfte der Stimmbürger keine Ahnung, worum es bei der Volksbefragung überhaupt geht. Von denen wiederum, die das Thema kannten, wußten nur die wenigsten mit den komplizierten Fragen, zu denen sie sich äußern sollen, etwas anzufangen.

Vollends verworren wurde das Bild, als Polens Privatisierungsminister Wieslaw Kaczmarek öffentlich verkündete, er halte das Referendum für überflüssig und werde daran nicht teilnehmen. Sollten mehr als fünfzig Prozent der erwachsenen Polen wie Kaczmarek den Urnengang meiden, was durchaus passieren kann, dann hat die Abstimmung keine Gültigkeit.

Der Mann, der das ganze Chaos mitverursacht hat, ist inzwischen ins politische Abseits geraten. Auf der Suche nach Verbündeten, begann der spätere Verlierer Lech Walçsa kurz vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 5. November 1995 um die Gunst von Solidarnosc zu buhlen. Alte Zwistigkeiten konnten schnell beigelegt werden, denn Walçsa war auf Anhieb bereit, den gewünschten Preis für die Wahlunterstützung der Gewerkschaft zu zahlen. Auf seine Initiative und dank der tatkräftigen Fürsprache der populistisch veranlagten Bauernpartei, die seit 1993 zusammen mit den Postkommunisten die Regierung stellt, stimmte der Senat, die zweite Kammer des Parlaments, mit knapper Mehrheit dem Vorschlag zu, den 28 Millionen stimmberechtigten Polen die nebulös formulierte Frage zu stellen: "Bist Du für die allgemeine Eigentumsverleihung an die Bürger?"

Die so zustande gekommene Abstimmung soll ein um etwa fünf Jahre verspätetes und zudem wenig ausgereiftes Projekt der Volksprivatiserung verwirklichen helfen, dessen Urheber einen längst abgefahrenen Zug stoppen möchten. Jeder erwachsene Pole, so das Ansinnen der Verfechter des Referendums, soll (kostenlos?) den gleichen, "ihm zustehenden" Anteil an dem noch nicht privatisierten Staatseigentum erhalten. Stimmt die Mehrheit der "allgemeinen Eigentumsverleihung" zu, dann muß der Gesetzgeber zusehen, wie er die wenig konkrete Idee in die Praxis umsetzt.

Daß eine solche "Volksprivatisierung" lediglich zu einer formellen Übertragung der Aktien an neue Besitzer führt, ohne daß den Unternehmen dadurch frisches Kapital oder Know-how zufließen würde, ist für Solidarnosc kein Thema. Es handle sich vielmehr um einen historischen Akt der Gerechtigkeit. Das Volk, so die These, muß wenigstens einen Teil seines Eigentums zurückbekommen. Nur so kann den ehemaligen Apparatschiks und roten Managern, die aus der Aufteilung des privatisierten früheren Staatseigentums ohnehin viel zu viel Nutzen gezogen hätten, das Handwerk gelegt werden.

Anders als bei der frühzeitig durchgeführten, schnellen und beinahe vollständigen tschechischen Privatisierung, ging die polnische Privatisierungsstrategie bisher davon aus, daß die Leistungsfähigkeit der Unternehmen wichtiger als die gesellschaftliche Gerechtigkeit sei. Solidarnosc, die sich als eine christlich-konservative Gewerkschaft versteht, doch oft genug wie eine radikal-sozialistische politische Partei agiert, nahm dies stets zum Anlaß, um von einer "betrügerischen Privatisierung" zu sprechen.

Eine Zwischenbilanz zeigt, daß sich noch immer mehr als 4000 der ursprünglich 8000 mittleren und großen Unternehmen in Staatsbesitz befinden. Dazu gehören viele unrentable Großbetriebe aus dem Bergbau, der Schwerindustrie und dem Energiesektor, für die Investoren kaum zu finden sind. Die in vielen Fällen notwendige Stillegung stößt auf heftige politische Widerstände.