Moskau Im unverbrüchlichen Vertrauen darauf, daß Boris Jelzin noch in dieser Woche seine Kandidatur für die Präsidialwahlen im Juni proklamieren würde, hat sich Helmut Kohl für den kommenden Montag in Moskau angesagt. Der Kanzler macht sich mit vier Motiven auf die Reise.

Erstens: "Freunde", so sein Motto, "besucht man in der Not." Zweitens: Auch wenn der Freund im Kreml die früheren politisch-ideellen Beziehungsgrundlagen weitgehend zerstört hat, erscheint er Kohl immer noch als kleinstes Übel unter den aussichtsreichsten Kandidaten. Drittens: Die Not, die der Freund mitverursacht hat, verlangt Schadensbegrenzung, damit nicht auch noch Bankrott, Bürgerkrieg und Flüchtlinge aus Rußland über des Kanzlers schon schwankende Euro-Welt hereinbrechen. Viertens: Helmut Kohl will im Kreml der erste sein und bleiben; die ursprünglich für April vorgesehene Visite wäre in den Schatten des internationalen Tschernobyl-Gipfels in Moskau geraten.

Hinter diesem Erste-Hilfe-Einsatz Kohls stehen zwei Fragezeichen. Zunächst ist nach der "ethischen Indikation" zu fragen: Darf der Kanzler in diesem Fall eigentlich noch Freundesdienste leisten? Jelzin hat aus Not und eigener Schuld seine Identität zerstört. Er hat in Tschetschenien den Tod Zehntausender Zivilisten in Kauf genommen. Er hat Reformen und Reformer wie Ballast von Bord geworfen, um die Kommunisten zu überholen. Er stützt seine Machtsicherung auf die Geheimdienste und fordert unverblümt technische Spionage im Westen als Revanche für brain drain.

Außerdem erhebt sich die Frage nach dem Nutzen der Visite: Kann der Kanzler noch Helfer sein? Der Mythos von der Marktwirtschaft ist verblichen, die wenigen Reichen gelten (in der Regel zu Recht) als Raubkapitalisten. Währungsfonds, Weltbank und Amerikaner werden für Millionen verarmter Wähler zum roten Tuch, ohne daß die Kommunisten allzuviel wedeln müssen. Die Deutschen und Helmut Kohl stehen vorerst noch glaubwürdiger da. Aber "werben" kann der Kanzler nur, wenn er eine gewisse Einsicht dafür mitbringt, wie verfehlt das einseitige monetaristische Konzept der westlichen Finanzinstitutionen gegenüber Rußland bisher gewesen ist.

Kohl muß sich deshalb vor falschen Freundschaftsgesten ebenso hüten wie vorm unverbindlichen Abspielen des westlichen Wertekanons. Zu den Unsicherheitsfaktoren gehört nicht nur, daß Jelzin ohne Manipulation wenig Chancen hat, die Wahlen zu gewinnen, sondern auch, daß seine Entourage sie um keinen Preis verlieren will. Szenarien für eine Absetzung oder Verschiebung der Wahlen sind deshalb keineswegs aus der Welt. Mit neuerlichen Umarmungen könnte sich der Kanzler selbst einen Bärendienst antun.

Zu den Sachzwängen zählt, daß Rußland - nach Kosyrews allzu einseitiger Westorientierung - die nationale Sicherheitspolitik wieder auf die Bedürfnisse einer euro-asiatischen Landmasse umzustellen hat. Jelzin wird einige der veränderten Koordinaten nach Kohls Abreise in seiner "Botschaft an die Nation" übermitteln. Manches, was jetzt im Westen als Moskaus neuer Imperialismus verdammt wird, gehört schlicht zu den Imperativen russischer Interessenpolitik. So hat der Zerfall der Sowjetunion neue Staaten entstehen lassen, die - mit Öl- und Gasressourcen von Golf-Ausmaßen - unvorbereitet in das weltpolitische Pokerspiel geraten sind.

Die Spannungen um die Pipelines, die vor allem die Amerikaner an Rußland vorbei nach Westen führen wollen, werden zunehmen. Moskau versucht mit Vorrang, die eigenen Grenzen und die GUS-Staaten abzuschotten: gegen den islamischen Ansturm der afghanischen Mudschahidin, gegen das zunehmende militärische und energiepolitische Engagement der Amerikaner an Rußlands Südflanke und gegen Ankaras massives Werben um die vormals sowjetischen Turkvölker.