Am Horizont rotieren die Windräder. Dort drüben liegt die Insel Nordstrand, ein scharfer Strich auf der anderen Seite des Watts. "De feine Wind ut Nordwest", so wird Bürgermeister Paulsen später lobend erwähnen, hat nach einem regnerischen Tag das tiefhängende graue Tuch über dem Meer zerfetzt. Die Wolken sind spurlos verschwunden. Möwen taumeln als Komparsen über der blau und rosa beleuchteten Bühne. Der Himmel, so weit wie nie, im letzten Tageslicht. Die Luft schmeckt nach Salz und Seetang, der eisige Wind macht Gänsehaut auch unter Daunenjacken. Nordseewetter.

Am Ufer schiebt der Bagger der Gemeindeverwaltung vertrocknete Weihnachtsbäume, Sträucher und Holzlatten zu einem hohen Scheiterhaufen zusammen. Ein Trecker bringt auf einem Anhänger eine Ladung Strohballen ans Ufer. Scheinwerfer irrlichtern in der hereinbrechenden Dunkelheit über das geschäftige Treiben. Im fahlen Licht wird "Torges Erbsensuppenkanone" in Stellung gebracht. "Wenn sie zu fad ist, mußt du mit Maggi nachwürzen", weist der Inhaber seine Verkäuferin an.

Was wie eine Übung der freiwilligen Feuerwehr aussieht, sind die letzten Vorbereitungen für das höchste Fest der Nordfriesen. Am Vorabend des Petritages lodern an der Küste und auf den Inseln zwischen der Eider und der dänischen Grenze an jedem 21. Februar ungefähr sechzig Feuer. Der uralte Brauch des Biikebrennens breitet sich neuerdings wie ein Flächenbrand über Marschen wie Geesten aus. Jetzt wird sogar auf der Halbinsel Eiderstedt gezündelt, "wo das Biikebrennen überhaupt keine Tradition hat", wie Fiete Pingel vom Nordfriisk Instituut anmerkt.

In Schobüll, dem einzigen Dorf an der Straße zwischen Husum und dem Damm zur Insel Nordstrand, entflammte die Begeisterung für das feurige Fest immerhin schon vor zwanzig Jahren. Nachdem Bürgermeister Paulsen mit seinem Megaphon zur Biikerede auf das Dach des Feuerwehrautos geklettert ist, beschwört er die "Dörpgemeenschaft" und die Verbundenheit "mit unsere Vörfohrn, de olen Freesen". Paulsens krächzende Ansprache weht hinweg über ungefähr 500 gebürtige und zugereiste Friesen, über alte Männer mit Punschbechern in klammen Händen und tobende Kinder, die mit Wollmützen, Schals und Handschuhen gegen die eisige Brise aus Nordwest gewappnet worden sind.

"Mich fasziniert, daß so viele Leute an diesem Tag ohne Lustgewinn in der Kälte herumstehen", sagt Peter Nissen. Der 38jährige, der lange Dramaturg am Hamburger Ohnsorg-Theater war, gehörte Anfang der siebziger Jahre zu jenen Friesen, die das Biikebrennen von den Inseln auf das Festland brachten. Jahr für Jahr fährt Nissen im Februar von Hamburg auf die höchste nordfriesische Erhebung, den 44 Meter hohen Stollberg, um dort eine Biikerede zu halten. Er vermutet über sein Publikum: "Die Menschen suchen wohl nach einem Gemeinschaftserlebnis und nach historischen Bezügen."

Über die Ursprünge des Biikebrennens geistern weiterhin widersprüchliche Theorien durch die friesische Volkstumsliteratur: daß mit dem Winterfeuer dem Germanengott Wotan gehuldigt wurde, daß der 21. Februar der Vorabend des Tages war, an dem die Männer zum Walfang die Segel setzten und darum aller Streit geschlichtet werden mußte. Als Urheber dieser Legenden gilt der populäre Sylter Dichter C. P. Hansen, der mit seinen Schriften Mitte des 19. Jahrhunderts eine Renaissance des Biikebrennens auf den Nordfriesischen Inseln einleitete. Zu seiner Zeit war der heidnische Brauch wahrscheinlich schon seit mehreren Generationen auf Betreiben der Kirche in Vergessenheit geraten.

Der friesische Heimatforscher Albert Panten aus Niebüll zitiert in diesem Zusammenhang allerdings den Historiker Hellmut Diwald: "Epochen oder Phänomene lassen sich nur dann mit Erfolg neu beleben, wenn man sie falsch versteht." Panten belegt nämlich, daß erst der Sylter Romantiker C. P. Hansen das Biikebrennen streng mit dem 21. Februar verband, während es sich in Wahrheit um ein Fastnachtsfeuer handelte, das zu wechselnden Daten aus Freude über das nahe Winterende entzündet wurde.