DIE ZEIT: Herr Thielemann, die Deutsche Oper Berlin ist auf doppelte Weise Symbol des kulturellen Wollens der Stadt: In viereinhalb Nachkriegsjahrzehnten war sie musikalisches wie theatralisches Aushängeschild, nach der Wiedervereinigung muß sie heute ihre Basis und ihr Profil neben der Lindenoper und der Komischen Oper finden und verteidigen. In Ihrer künftigen Position stehen Sie in der verpflichtenden Tradition eines Bruno Walter, Ferenc Fricsay oder Lorin Maazel. Fünf Kilometer weiter wirken freilich auch zwei andere Dirigenten. Wie steht es mit dem Kontakt dahin, etwa zu Daniel Barenboim?

Christian Thielemann: Ich möchte das distanzierte Gleichgewicht zwischen Zusammenarbeit und Wettbewerb nicht noch verkomplizieren - aber ich war Barenboims Assistent, wir kennen uns gut genug, so daß wir keine Berührungsängste brauchen. Musiker sollten immer nur an der gleichen Seite des Stricks ziehen - auf der Gegenseite sind die Allianzen viel zu stark und gefährlich. Wir können nur miteinander, nicht gegeneinander arbeiten. Jedes Haus wird seine eigene Farbe besitzen dürfen und müssen. Aber die eigene Farbe kann nur im Kontakt untereinander gesichert sein - sonst haben wir plötzlich die gleiche oder vielleicht auch gar keine. Es bedingt freilich auch eineannähernd gleiche Behandlung durch die Politik, gleiche Chancen - keine Privilegien-Gunst nach Gutsherrenart.

Im Vorgeplänkel um Ihre Berufung nach Berlin hängte man Ihnen ein Schildchen um, Sie seien konservativ und besäßen nur ein schmales Repertoire, das Sie sehr häufig wiederholten.

Weshalb wiederhole ich das Repertoire - Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner? Weil ich glaube verstanden zu haben, daß ich dieses Repertoire auch nur annähernd begreifen kann, wenn ich es öfter mache - und öfter unterschiedlich.

Die jüngeren Dirigenten neigen häufig zu einem technokratisch-kühlen Gestus. Wer Sie beobachtet, erlebt fast das Gegenteil.

Ich habe einen leichten Hang zum Exzessiven. Ich muß mich immer bremsen. Ich bemühe mich, das zu kanalisieren, denn ich finde, daß der Kopf auch wichtig ist, und man kann nicht alles so machen, wie es der Bauch will. Ich bin dabei, mir den kühleren Kopf zu erarbeiten, was auch musikalisch zu weitaus besseren Resultaten führt; aber es ist unglaublich schwierig, da nicht kalt zu sein.

Ich liebe es, zu zeigen, daß Musikmachen für mich impliziert, daß man auch einmal - im positiven Sinne salopp formuliert - alle fünfe gerade sein läßt und sagt: Girls and boys, have fun. Was mich immer unwahrscheinlich gebannt hat bei Live-Aufnahmen von Furtwängler und was für mich ein Ideal ist: daß es so unheimlich spontan klingt - und letztlich so ungeheuer kalkuliert ist. Aber ich erkenne bei ihm das Kalkulierte eigentlich erst, wenn ich ganz genau hinhöre, wenn ich versuche: Jetzt laß mal deine ganze Begeisterung für die Spannung, die der aufbaut, weg, für das tolle Accelerando oder Ritardando.