Nach Kurt Tucholsky (ein dem Kalauer nicht gänzlich abgeneigter Inlandsethnologe) ist der Weg in die deutsche Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert. Einer davon lautet: "Heute mache ich mir kein Abendbrot, heute mache ich mir Gedanken." Im Merkur, der "Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken", ist dieses eigentümliche Postulat der strikten Trennung von Nahrungsaufnahme und intellektuell-begrifflicher Anstrengung seit 1988 fester Bestandteil des Redaktionsstatus. Wer an der Gestaltung dieses erlesenen Blattes mitwirken will, wird per Handschlag dazu verpflichtet, nicht nur aufs Nachtmahl zu verzichten, sondern der gutbürgerlichen deutschen Küche schlechthin zu entsagen, weil Karl Heinz Bohrer in seinem programmatischen Aufsatz "Die Ästhetik des Staates" herausgefunden hat, daß der Ausgang des deutschen Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit und das in der Aufklärung schlummernde Projekt der Moderne immer wieder an den Klippen de r teutonischen Verfressenheit zu zerschellen drohen.

Zu den menschlich anrührendsten Vignetten der Fallstudie gehört die Beschreibung einer Bahnfahrt im IC Göttinger Sieben, bei der Herr Bohrer per Lautsprecher in ultimativem Tonfall dazu aufgefordert wird, im Speisewagen eines jener berüchtigten schweren Tellergerichte einzunehmen oder aber die ständig vorbeirasselnde Minibar zu frequentieren. In seiner Verzweiflung wendet er den Blick ab und richtet ihn auf die vorbeifliegenden Wiesenflächen, von denen ihm in mannshohen Lettern die auf den Magen schlagende frohe Botschaft entgegenprangt: "Futtern wie bei Muttern". Die Bündelung des oral durchwirkten Liebeswerbens löst im Verfasser einen an Raserei grenzenden furor interpretandi aus, der den Merkur bis zum heutigen Tage zu den schönsten gegen Opulenz, Provinzialität und Konformismus gerichteten Ausfällen treibt und ihn als Pflichtlektüre für den körperbewußten deutschen Kulturschaffenden prädestiniert.

Wer sich nach der Lektüre dieses Periodikums immer noch nicht über den Weg der diätisch korrekten Lebensführung traut, dem sei zur additiven Appetitzügelung Jürgen Mantheys "In Deutschland und um Deutschland herum" empfohlen. Jürgen Manthey schreibt seit Ende des Golfkriegs für den Merkur die Kolumne "Glossa continua": eine Reihe, aus der die Hälfte des vorliegenden Bandes stammt. Nebenher hat der Verfasser einen Lehrstuhl für Literaturwissenschaft inne, der in Essen steht.

Will man dem Ruhrpottbarden Herbert Grönemeyer ("Tief im Westen") Glauben schenken, befindet sich Essen fest in der Hand des gemeinen Currywurstkonsumenten. Daß das von Sättigungsbeilagen umstellte Leben in der gastronomischen Diaspora auf die Auswahl der Gegenstände durchschlägt, die von Manthey mit einer Randbemerkung versehen werden, deutet sich bereits auf Seite 63 des Buches an. Hier wird das Portrait einer "unwürdigen Greisin" gezeichnet, die mit ihrer Tochter im Café sitzt, sich mit der Bestellung ihres Rieseneisbechers übernommen hat und nun davor sitzt wie ein Kind, "das von dem Süßen nicht lassen kann, obwohl ihm schon schlecht davon ist". Die Mutter bittet die Tochter, sie bei der Dezimierung der Kalorienbombe zu unterstützen, aber die will nicht auslöffeln, was sich die alte Frau mit ihrer Gier selbst eingebrockt hat. Der teilnehmende Beobachter attestiert der Tochter "Quälsucht in höchster Vollendung", wobei nicht ganz deutlich ist, ob die durch Freundlichkeit "getarnte Verachtung" aus Mantheys Idiosynkrasien erwächst oder Bestandteil lang unterdrückter Rachegelüste der Protagonistin ist. Wer denunziert und entblößt wen und warum?

Die Antwort wird über einen Ortswechsel kenntlich, der von den Niederungen der Volksküche in die lichten Höhen des deutschen Geisteslebens führt. Hier findet sich, erinnert von Monika Plessner, 1952 im Hause Adorno eine illustre Paargruppe von Philosophen und Verlegern zum Abendessen ein: Adornos, Plessners, Suhrkamps - später Gershom Scholem. Der setzt sich sofort an den Tisch und schlingt erst Tafelspitz, dann Schwarzwälder Kirschtorte in sich hinein: "Der berühmte Mann", so die nach eigenem Bekunden "still verhalten" dasitzende Zuhörerin, "freute sich ungeniert und konnte kaum abwarten, bis ein mächtiges Stück auf dem Teller lag. Und dann aß er und aß und aß, und während er unüberhörbar schmatzte, erzählte er. Er erzählte, wie er aß," und trank dazu "Ströme, Bäche" von Himbeersaft.

Daß die Herren mit vollem Mund monologisieren und sich über die Köpfe ihrer verstummten besseren Hälften hinweg gegenseitig an die Wand dozieren, daß sich die Großhumanisten, "sensibel für das kleinste Unrecht in der Welt", im kleinen Kreis als die "reinsten Trampeltiere" erweisen, daß also zwischen Theorie und Praxis bekanntlich eine nicht unerhebliche Lücke klafft, ist für Manthey ein Quell unverstellter Empörung: "Schmatzende und schwatzende Barbaren in der Maßlosigkeit des Oralen."

Die vertikal durchs Gemeinwesen verlaufende Verbindungslinie zwischen Mövenpick und Adornos Gastmahl strukturiert die soziale Raumerfahrung des Beobachters und schärft die Wahrnehmung des Verfassers - für den involvierten Leser nicht selten bis an die Grenzen des Erträglichen. Ob er über eine prägnante Textanalyse des Tui-Fragments den Mann Brecht als einen ewig greinenden, an den schlaffen Brüsten der sozialistischen Einheitsmama hängenden Säugling entlarvt oder einen "Westfatzke" ins Visier nimmt, der sich in einer Ostberliner Bäckerei wie ein "Agent der Stiftung Warentest" von der Verkäuferin unter einem Berg von Rosinenschnecken jene mit dem dünnsten Zuckerguß herausfingern läßt: In einer alle Lebensäußerungen umfassenden konzertierten satirischen Aktion wird der seit der politischen Vereinigung hie und da zart aufkeimende zivilisatorische Fortschrittsoptimismus mit dem ehernen Diktum Walter Benjamins konfrontiert. Deutschland bewegt sich demzufolge unter dem Niveau der Geschichte, und die Deutschen gelangen niemals zu reifen bürgerlichen Verkehrsformen, weil sie in ihrem individuellen psychosexuellen Entwicklungsprozeß im frühen Niemandsland, irgendwo auf den Stufen zwischen oraler und analer Phase, ins Stolpern geraten und liegengeblieben sind.