Helmut Kohl soll am Telephon getobt haben, wie man das von ihm kennt, wenn er eine Verschwörung oder anderes Ungemach wittert. Dann ist die Leitung am anderen Ende weitgehend still. Dem Schweriner CDU-Fraktionsvorsitzenden Eckardt Rehberg kam seine telephonische Kanzleraudienz denn auch wie eine "Standpauke" vor, wie man hinterher erzählte. Dabei hat Rehberg mit seinem Dreißigseitenpapier über Identitätsprobleme des Ostens gewiß keine Verschwörung im Sinn gehabt. Seine Kritik an der CDU und deren Schwierigkeiten, "sich auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen und flexibel zu reagieren", ist auch nicht neu. Derlei haben schon andere Kaliber veröffentlicht, ohne damit mehr als Verärgerung beim Kanzler zu bewirken.

Was am Papier Rehbergs aber über dessen normale politische Reichweite hinaus Aufsehen erregte, ist das bittere Urteil über den Stand der Einheit. Daß Ost und West zügig zusammenwachsen, war eine gern gehegte Illusion. Nun das: "In diesen Jahren hat sich ein neuer ,Ost-West-Konflikt` manifestiert, der in Form einer ,geistigen Mauer` vorrangig den Alltag in den neuen Ländern durchdringt."

Rehberg beschreibt gleichsam das Nebeneinander zweier Kulturen im Land: "Das Bedürfnis nach einem Leben im relativen Luxus dürfte bei den ostdeutschen Menschen nicht geringer ausgeprägt sein als bei den westdeutschen. In den neuen Ländern konnte man allerdings die Erfahrung machen, daß man mit ,etwas weniger` auch zurechtkommt." Er mahnt die Menschen im Westen zu mehr Respekt vor den oft schwierigen Biographien der Ostdeutschen. Nur so könne ein Austausch stattfinden, "der beide Seiten zusammenführt".

Rehberg ist mit seiner Unzufriedenheit nicht allein, auch wenn er im Osten weniger Rückendeckung erfuhr, als er zunächst erhoffen durfte. Da paßte es, daß in Bonn die Ost-Abgeordneten der CDU aufmuckten. Sie wollen wieder eine eigene Landesgruppe - Modell: CSU-Landesgruppe -, was auf ähnliche Defizit-Erfahrungen schließen läßt.

Wolfgang Schäuble will eine solche zweite Fraktion in der Fraktion keinesfalls zulassen. Wozu hätte er sie sonst zu Beginn der Legislaturperiode verhindert? Aber vielleicht wagen die Ostler, über ein paar Papiere hinaus, doch noch den Aufstand. Erst in der CDU. Dann bei den anderen Parteien. Denn die geistige Mauer ist da eher noch höher. Würden Wolfgang Thierse (SPD) und Marianne Birthler (Bündnis 90) dem ernsthaft widersprechen?