Bruuuce! Ein Mann, eine Gitarre, eine Mundharmonika. Bruuuce! Ein Mann allein, in rotes, grünes, blaues Licht getaucht. Bruuuce! Mehr nicht. Gibt es etwas Platteres, Banaleres? Dieser Mythos vom Geschichtenerzähler in der Tradition der amerikanischen Sänger-Rebellen, die das Gewehr gegen eine Gitarre eingetauscht haben. Bruuuce! Im U-Bahn-Schacht unter der Alten Frankfurter Oper liegt ein Pappkarton am Boden. Druckbuchstaben, mit Filzschreiber aufgemalt: "krank, kann nicht heim, danke". Man bückt sich, legt ein Geldstück auf den Karton, guckt den Mann dahinter nicht an. Immer mehr dieser Pappkartons und Plastikbecher und Mützen liegen auf den Straßen. Unübersehbar.

Biete 500 Mark für eine Karte: "Bruce Springsteen. Solo acoustic tour". Springsteen, der Boß, der für gewöhnlich Arenen nicht unter 20 000 füllt, beginnt seine neue Europatournee in "kleinen" Hallen. Dreitausend, mehr sollten es nicht sein. Allein, ohne seine legendäre E-Street Band, singt er seine neuen Lieder über Armut und Depression, geboren in den USA. Bruce, die glaubwürdige Ikone, Inbegriff des Rocksängers mit Engagement und Botschaft im deutschen Technoland 1996: die Alte Oper Frankfurt tobt.

Mit dem "Geist des Tom Joad" beginnen zwei Stunden, die den guten alten Bruce Springsteen wiedererwecken, indem sie ihn verändern. So nahe, so vertraut, so privat war er uns noch nie. Lieder als Sozialreportagen sollen zu hören sein, ein ernstes, erhebendes Konzert, dem Anlaß angemessen.

Tom Joad, jene Figur aus John Steinbecks "Früchte des Zorns", kehrt als Geist nach Kalifornien zurück. Er hält den berühmten Schlußmonolog, in dem er seine Mutter tröstet, sie werde ihn auch nach seinem Tode in den Augen derer wiederfinden, die unser Mitgefühl verdienen. Es ist ein rührendes Stück Poesie, dicht an jener Grenze, wo Ergriffenheit in Abwehr umschlägt. Der ganze Abend besteht aus solchen Grenzen, Rändern, Gratwanderungen und dünnen Linien. Es wird ein Abend, an dem Mythos und Kitsch Hand in Hand gehen. Ein großer Abend.

Bruce Springsteen erzählt Geschichten zu den Geschichten, die er singt, kleine Prologe, die das Schöne mit dem Schrecklichen verbinden, das Banale mit dem Erhabenen. Dies ist seine Art des Kommentars. Verfremdung oder Ironie waren nie seine Sache, geradeheraus die Sehnsucht, die Liebe, das Mißtrauen, präzise die poetischen Bilder, die davon sprechen. So erzählt er in "Straight Time" von einem ehemaligen Sträfling, der nach acht Jahren Gefängnis zurück ins Leben gefunden hat, arbeitet, schlecht verdient, zu Hause sitzt und wie ein Süchtiger nur an eines denken kann: die dünne Linie zu überschreiten, die zwischen Recht und Unrecht, Armut und Gefängnis gezogen ist. Und eines Abends steht er in der Küche, dreht seine Kinder im Kreis, seine Frau lächelt und beobachtet zugleich aus den Augenwinkeln. Nur dieser winzige Blick, dieser Hauch an Vorsicht und Mißtrauen, und man sieht die Spurrillen in seinem Kopf, die nicht mehr zu glätten sind, die Narben in seinen Gefühlen.

Die Highways, die thunderroads, die Bruce Springsteen früher in all seinen Chevys dahinraste, durchziehen seine Lieder noch immer. Doch jetzt sind es die anderen, die er auf die Reise schickt. Die Geschichten haben sich von New Jersey, von Nebraska nach Kalifornien, in die Grenzgebiete zu Mexiko verlagert: Zwei mexikanische Brüder, die sich auf den Farmen verkaufen, zwölfjährige Kinder, die an der Grenze mit Drogen dealen, ein Grenzpolizist, der sich in eine illegale Einwanderin verliebt - die Fakten finden sich im Wirtschaftsteil der Zeitungen, die Short stories dazu singt Springsteen.

Die sichtbaren Grenzen in den USA werden immer mehr zu Bildern der Grenzen im Inneren, die äußeren Verwüstungen zu inneren Deformationen: Landschaften der Armut und der Depression. Die Stadt "Youngstown" in jenem Industriegebiet, das seit zweihundert Jahren Stahl liefert, um die Feinde Amerikas zu besiegen, vom Ersten Weltkrieg bis Vietnam, hat am Ende ihre eigenen Einwohner zerstört. Wenn der Erzähler stirbt, wünscht er sich lieber in die Hölle, die er gewöhnt ist; im Himmel würde er sich fremd fühlen. Und in "Dead Man Walking", dem Titelsong des gleichnamigen Filmes, findet sich die gleiche düstere Konsequenz: "Sister, I don't ask for forgiveness / My sins are all I have."