Bleiben die Deutschen überzeugte Europäer? Jahrzehntelang galt dies als unumstößliche Gewißheit. Inzwischen wachsen die Zweifel - im eigenen Land wie bei den europäischen Partnern. Die geplante Wirtschafts- und Währungsunion führt zum Streit. Eine vernünftige Debatte freilich braucht niemand zu fürchten. Im Gegenteil, nur auf diesem Wege sind für das Projekt der Währungsunion die notwendigen Mehrheiten zu mobilisieren.

Europa, das war den Deutschen doch bisher eine Herzensangelegenheit, die ihnen in Wirklichkeit kaum unter die Haut ging. Solange allein die Agrarpolitik oder die Brüsseler Bürokratie für Ärger sorgte, fiel die Treue zu Europa noch leicht. Doch nun geht es um die Währung, und da fühlt sich ein jeder direkt betroffen. Der Argwohn ist durchaus verständlich. Er kann nur durch Information und Aufklärung entkräftet werden: Wozu braucht die Europäische Union überhaupt eine gemeinsame Währung? Wie hoch sind die Risiken des Wechsels?

Selbst manche Anhänger der Euro-Idee stellen sich inzwischen bange Fragen. Sie haben nicht nur unterschätzt, auf welche Vorbehalte das Vorhaben in der Wählerschaft trifft. Schon gar nicht konnten sie ahnen, daß der Endspurt zum Euro im Zeichen von Wirtschaftsschwäche und Massenarbeitslosigkeit zurückgelegt werden muß. Alle Regierungen müssen sich nach den Stabilitätskriterien richten; die Gegner der Währungsunion legen den Sparkurs Maastricht zur Last und sprechen vom Würgegriff, der jeglichen Aufschwung erdrosselt. Zwar wächst die Konvergenz, nähern die Staaten ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik einander an. Doch noch immer sündigen zu viele Länder gegen die Gebote von Maastricht; noch immer fehlt eine gemeinsame Geldpolitik, die das Unternehmen deckt. Deshalb lautet denn auch das Votum der Skeptiker: Zu hastig, zu früh.

Solche Bedenken sind vielerorts zu hören. Sie müssen aber erst recht in einer Gesellschaft auf fruchtbaren Boden fallen, die - wie die deutsche - Risiken am liebsten meidet. Aber keine Bonner Regierung wird es wagen, die Stabilität des Geldes aufs Spiel zu setzen. Gewechselt wird erst, wenn die europäische Währung auf festem Fundament steht und gegen die Spekulation gefeit ist.

Ärgerlich ist nur, daß die Politiker es vor lauter Bedenkenträgerei kaum noch wagen, die Vorteile des Währungsverbundes - zumal für die Exportnation Deutschland - darzustellen. Den Befürwortern zittern die Hände, die Gegner schlagen populistisch drein. Selbst einstmals internationalistisch gesinnte Sozialdemokraten scheuen inzwischen vor nationalistischen Angstkampagnen nicht mehr zurück. Wie sonst käme die baden-württembergische SPD auf die Parole: "Stabilität und Arbeitsplätze gehen jetzt vor. Deshalb: Währungsunion

verschieben"? Ob die Herren Maurer und Spöri den Lauf der europäischen Dinge aufhalten oder auch nur im Südwesten einen Stich machen, steht dahin. Aber wie's Gescherr, so der Herr: Immerhin will auch ein so mächtiger Genosse wie Gerhard Schröder "die D-Mark nicht auf dem europäischen Altar opfern". Aber wer wäre denn das Opfer? Doch vor allem die deutsche Politik selber! Schließlich war es die Bundesregierung, die vor acht Jahren auf einem EG-Gipfel den Vorschlag für eine Wirtschafts- und Währungsunion lancierte. Unter tätiger Mithilfe der Bundesbank übrigens. Neben der Verantwortung für die eigene Initiative wiegt eine andere Tatsache noch schwerer: Es gibt einen Vertrag. Ihn haben fünfzehn europäische Parlamente ratifiziert einschließlich des Bundestages; er ist in sechs Referenden geprüft worden. Samt Zeitplan und Konvergenzkriterien. Wer dürfte unter diesen Umständen leichtfertig für Verschiebung oder Abbruch des Experimentes plädieren?

Nicht nur der Respekt vor einem internationalen Abkommen müßte den Mahnern und Warnern zu denken geben. Sie haben auch keinen Grund, die Währungsunion nur schwarz in schwarz zu malen. Noch besteht genug Hoffnung, das Ziel zu erreichen und damit entscheidende Impulse auszulösen.