NÜRNBERG.- Am 20. November letzten Jahres knallten im Rathaus die Sektkorken. Soeben lief eine Pressemitteilung aus dem bayerischen Kultusministerium über das Fax, daß neun europäische Städte im Jahr 2000 den Titel "Kulturhauptstadt Europas" tragen dürften, darunter auch Nürnberg, zusammen mit seiner polnischen Partnerstadt Krakau. Die offizielle Bestätigung der frohen Botschaft durch den EU-Kulturministerrat stand zwar noch aus, doch welchen Grund sollte man im Rathaus haben, an dem Wort eines Ministers zu deuteln? Außerdem hatte gerade eben der Kommunalwahlkampf begonnen, und da tat ein bißchen überregionaler Glanz gut, auch wenn er erst im Jahr 2000 so richtig erstrahlen sollte. Schließlich hatte Nürnberg schon einmal im Rennen um den begehrten Titel gelegen, war dann aber kurz vor der Ziellinie von Weimar abgefangen worden.

Auch dieses Mal zeigte sich, daß eine ministerielle Mitteilung noch lange kein Grund zur Freude ist. Ausgerechnet an Silvester erhielt nämlich Oberbürgermeister Schönlein die offizielle Liste aller gekürten Städte. Helsinki war dabei, Prag, Bologna und Brüssel; auch Nürnbergs Partnerstadt Krakau war aufgeführt, nur Nürnberg fehlte. War der schöne Traum ein zweites Mal geplatzt?

Im Nürnberger Rathaus setzte sofort eine hektische Suche nach dem (oder den) Schuldigen ein, zumal schon nach den ersten Recherchen ziemlich klar schien: Die Stadt selbst hatte bei dem Debakel zuallerletzt geschludert. So schreiben die Bewerbungsrichtlinien eindeutig vor, daß sich die Kommunen nicht selbst in Brüssel bewerben können, sondern ein Ministerium sie vorschlagen muß. Und darum hatte Nürnberg mehrfach, und zur Sicherheit sowohl beim bayerischen Kultusministerium als auch beim Bonner Außenministerium, gebeten.

Doch was spielt schon die Bewerbung einer zweitrangigen deutschen Stadt, noch dazu in Nordbayern gelegen, auf europäischer Ebene für eine Rolle? Eine höchst nebensächliche offenbar, denn anders ist die "Verkettung von Schlampereien" (so meint der damit befaßte Amtsleiter bei der Stadtverwaltung) nicht zu erklären. Zum einen verabsäumte es offenbar der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bei einem informellen Treffen der EU-Kulturminister in Madrid, die Kandidatur Nürnbergs förmlich anzukündigen. Statt dessen ließ er seine Kollegen lediglich wissen, daß sich Nürnberg und Krakau zu einer gemeinsamen Bewerbung entschlossen hätten. In der offiziellen Vorschlagsliste, über die bei einem folgenden Treffen in Brüssel entschieden wurde, tauchte jedoch nur noch Krakau auf; ergo konnte über Nürnberg überhaupt nicht abgestimmt werden, ergo war der Zug in Richtung Kulturhauptstadt bereits abgefahren.

Nun hätte freilich noch das Auswärtige Amt eingreifen können. Doch auch im Hause Kinkels schien sich Nürnbergs Bewerbung noch nicht so recht herumgesprochen zu haben. Freilich ist auch die Version zu hören, die Post aus Franken könne irgendwo zwischen zwei Abteilungen verschüttgegangen sein. Ehedem sei nämlich die Kulturabteilung für die Nominierung zuständig gewesen; seit einem halben Jahr jedoch ist die Europaabteilung damit befaßt.

Das bayerische Kultusministerium erteilt sich Absolution. Hausherr Hans Zehetmair ließ, nachdem das Kind für alle sichtbar im Brunnen lag, erst einmal barsch erklären, daß er nicht "das Sprachrohr Nürnberger Kommunalpolitik" sei, um dann unverdrossen weiter die Lesart zu verbreiten, daß nämlich Nürnberg gerade dadurch berücksichtigt sei, daß es nicht berücksichtigt sei, und daß das im übrigen sein, Zehetmairs, Verdienst sei. (Tatsächlich muß der bayerische Kultusminister die Stadt wohl als eine Art Juniorpartner von Krakau ins Gespräch gebracht haben - eine Vorstellung, die bei den Franken nicht unbedingt auf Begeisterung stößt. "Entweder wir haben den Titel, oder wir haben ihn nicht", erklärt Oberbürgermeister Peter Schönlein, der deutlich macht, daß die Stadt an einer Huckepacklösung keinen besonderen Gefallen finde.)

Leidlich erschwert wird die Suche nach den Verantwortlichen der Panne dadurch, daß das Thema "Kulturhauptstadt Europas" längst auch Eingang in den bayerischen Kommunalwahlkampf gefunden hat und sich das Karussell der wechselseitigen Schuldzuweisungen immer geschwinder dreht. Da mag es dann auch einem CSU-Minister ganz gelegen kommen, wenn die rosaroten Blütenträume eines SPD-Stadtoberhaupts just in diesem Augenblick zerplatzen; und da darf, umgekehrt, dieser keine Gelegenheit ungenutzt lassen, jenen möglichst publikumswirksam an den Pranger zu stellen.