Bundesernährungsminister Jochen Borchert wollte keine Zeit verlieren. Im "Eilverfahren" verbannte er Mitte Januar - zunächst für sechs Monate - den Futterzusatzstoff Avoparcin aus deutschen Ställen. Das Antibiotikum wurde hierzulande seit zwanzig Jahren als "Leistungsförderer" Kälbern, Schweinen, Hähnchen und Rindern ins Futter gemengt, damit die Tiere schneller wachsen. Dänemark verzichtete vergangenes Jahr auf Avoparcin, ehe nun auch das Berliner Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) zum Verbot riet: "Neue Untersuchungen besonders aus dem skandinavischen Raum" belegten, daß "der Einsatz von Avoparcin die Selektion resistenter Keime fördert". Die Bakterien könnten womöglich "über den Stall hinaus in den menschlichen Bereich gelangen und sich damit auch in Krankenhäusern ausbreiten". Infektionen etwa bei "immungeschwächten Patienten auf Intensivstationen" seien dann nicht auszuschließen.

Auch deutsche Studien beunruhigen das BgVV: Mikrobiologen der Außenstelle des Robert-Koch-Instituts in Wernigerode entdeckten in der Gülle von Schweineställen und Geflügelfarmen resistente Enterokokken. Die widerstandsfähigen Darmbakterien spürten sie ausschließlich dort auf, wo Avoparcin verfüttert wurde. Das Antibiotikum hält in Masttieren die Zahl der Keime niedrig, was vermutlich zu dem beobachteten schnelleren Wachstum führt. Doch gerade wegen der ständigen Antibiotikazufuhr vermehren sich in den Ställen Bakterienstämme, die durch zufällige Mutationen vor der Substanz geschützt sind. Die so herangezüchteten, wehrhaften Keime wären nicht weiter tragisch, da Avoparcin nicht in der Humanmedizin verwendet wird. Doch Avoparcin ähnelt im Wirkmechanismus dem Antibiotikum Vancomycin, das eingesetzt wird, um Patienten vor bakteriellen Infektionen zu schützen: Beide Stoffe sind sogenannte Glykopeptide. Deshalb sind Avoparcin-resistente Bakterien aus Tierställen meist auch gegen das im Krankenhaus wichtige Vancomycin gefeit.

Glykopeptide benutzen Humanmediziner meist, wenn sie gefährliche multiresistente Bakterienstämme mit anderen Antibiotika nicht mehr bekämpfen können. Falls nun resistente Keime aus den Ställen in die Kliniken vordringen, warnen BgVV-Mitarbeiter, verlören die Ärzte dort ihre Reservewaffe gegen Infektionen. Denn "experimentelle und klinische Untersuchungen" deuteten darauf hin, daß "sich die spezifische Glykopeptidresistenz auf weitere Keimarten ausbreiten kann". Englische Wissenschaftler hätten zumindest im Labor gezeigt, daß Enterokokken die Resistenz auf Staphylokokken übertragen können, die bei Patienten gefürchtete Eiterungen verursachen, sagt Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut und warnt vor einem "echten Desaster".

In der Tiermast werde "zusätzlich ein Reservoir für Resistenzen gegen Glykopeptide geschaffen", kritisiert der Mikrobiologe. Mit seinem Kollegen Ingo Klare glaubt er nachgewiesen zu haben, daß widerstandsfähige Bakterien aus Ställen ausbrechen können. So fanden sie "in ganz geringen Mengen" glykopeptidresistente Enterokokken in fünf von dreizehn Schweinemettproben aus verschiedenen Metzgereien. Vermutlich waren die Keime beim Schlachten aus dem Darm der Tiere in das Hackfleisch gelangt. Mehr noch: Selbst in den Menschen können die widerspenstigen Wesen geraten. Aus hundert untersuchten Stuhlproben isolierten Witte und Klare in zwölf Fällen Bakterien, die sich gegen Glykopeptide wehren konnten.

Da die Testpersonen sich noch nie oder lange nicht mehr in Krankenhäusern aufgehalten hatten, vermuten die Mikrobiologen, daß sie die Keime mit der Nahrung aufgenommen haben. Ein Befallener könne die Darmbewohner an andere Menschen weitergeben, allerdings nur "bei unzureichender Sanitätshygiene", so Witte. Schließlich fahndeten die Spürnasen in einer Magdeburger Klinik nach den resistenten Winzlingen - und wurden in der Küche fündig. Dort waren gerade eingefrorene Masthähnchen eingetroffen. Im Tauwasser der Broiler, ergab die spätere Analyse, schwammen "massiv" glykopeptidresistente Enterokokken. Eine Gefahr für Patienten habe allerdings nicht bestanden, sagt Witte, weil "die Küchenhygiene dort klappt".

Auch der Mikrobiologe Michael Teuber von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich vermutet, daß aus der Tierproduktion widerstandsfähige Keime in Lebensmittel gelangen. So entdeckte Teubers Arbeitsgruppe in Appenzeller und Emmentaler aus Rohmilch sowie in Schinken und Salami Enterokokken, die gegen Antibiotika resistent sind.

Der Gießener Mikrobiologe Georg Baljer warnt angesichts der Studien allerdings vor einem "Horrorszenario". Bisher sei noch nie nachgewiesen worden, daß glykopeptidresistente Enterokokken aus Tieren "in der Humanmedizin zu Problemen" geführt hätten. Die harmlosen Darmbakterien siedelten nicht im Menschen und würden "nach zwei bis drei Tagen" ausgeschieden. Obwohl Avoparcin seit 1975 auf dem Markt ist, wurden glykopeptidresistente Keime bisher kaum aus deutschen Krankenhäusern gemeldet. Nur bei einem unter 100 000 Patienten beobachteten Ärzte eine Infektion mit solchen widerstandsfähigen Bakterien, die dann mit anderen Antibiotika bekämpft werden können. Und bei den seltenen Fällen stammten die Erreger vermutlich aus dem Krankenhaus - und nicht aus Mastbetrieben. Das Verbot sei "Hals über Kopf" erteilt worden, kritisiert Baljer. "Ich hätte von der politischen Ebene ein bißchen mehr Sachlichkeit erwartet."