Über welche Stadt sind so viele Gedichte geschrieben worden, daß sich daraus ein poetischer Führer zusammenstellen läßt? Natürlich über Paris. Die Romanistin Mona Wodsak hat französische Gedichte und Chansons vom 17. Jahrhundert bis zur heutigen Zeit durchgesehen und nach einschlägig bekannten Stadtgebieten geordnet: "Entlang der Seine . . " oder "Im Quartier Latin". Dabei begegnet man so bekannten Poeten wie Paul Verlaine, Charles Baudelaire oder Guillaume Apollinaire, kann aber auch erstaunliche Entdeckungen bei Autoren machen, die bei uns noch unbekannt sein dürften, wie etwa Marcel Poudade oder Anne Sylvestre.

So findet der Leser, der sich auch am Ort poetisch inspirieren lassen möchte, Bekanntes neben Unbekanntem, eine Mischung, die das Reisen so reizvoll machen kann. Wer mehr über die jeweiligen Autoren und die poetisch umschriebenen Orte erfahren möchte, ist mit den Kommentaren von Mona Wodsak im Anhang gut bedient.

Daß in Frankreich das Chanson ein poetisches Genre von hoher Qualität und Lebensfreude ist, veranschaulichen die Beispiele von Aristide Bruant oder Georges Brassens, die den "Wind am Pont des Arts" oder einfach nur "Die Straße" besingen. Doch jegliche Sentimentalität wird im folgenden Gedicht (und mit Hilfe des Kommentars) durch den Blick auf die historische und moderne Realität aufgeklärt. Selbst Sartre und Beckett (der einzige "Fremde" in dieser Sammlung) haben auf ihre Art Pariser Gedichte geschrieben. Ein "Poesie-Album" für den Flaneur von heute.

Wer sich das kulturelle Leben der Stadt ebenso kenntnisreich wie kurzweilig erschließen möchte, ist bei Jozef Petro und Pascal Vareijka gut aufgehoben. Sie sind "Bohémiens" im doppelten Sinn, denn sie kommen aus Böhmen, gehören jedoch schon lange zur kulturellen Szene von Paris. Ihr Kulturreiseführer ist systematisch aufgebaut, beginnt mit einer historischen Einführung und endet mit den obligatorischen Tips. Dazwischen führen die Autoren den Leser durch die wichtigsten Viertel, verweilen zwar bei den bekannten Sehenswürdigkeiten, geben aber auch immer wieder interessante Hintergrundinformationen, die selbst für den vermeintlichen Paris-Kenner manchmal neu sein dürften.

So erfährt man von den stadtplanerischen Großprojekten der verschiedenen Herrscher und Präsidenten die genaue Vorgeschichte, eine Mischung aus finanziellem Größenwahn und architektonischer Genialität. Wer mehr über einzelne Literaten und Künstler von Heinrich Heine bis Camille Claudel wissen möchte, wird unangestrengt informiert. Ebenso anregend sind die kurzen Überblicke über die Geschichte der jüdischen Gemeinde und über die "Stätten der Gelehrsamkeit" zwischen Panthéon und der Sorbonne. Selbst Museen, die bei eiligen Besuchern selten Beachtung finden, werden hier akzentuiert vorgestellt. Zu jedem Kapitel gibt es überschaubare Karten und (wenngleich nicht immer) gute Photos. Dieser kleine Stadtführer könnte wegen des äußeren Formats leicht mit den flotten Überblicken im Taschenformat verwechselt werden. Doch der Kulturreiseführer hat mehr Gewicht; man spürt es beim Blättern und beim Lesen.

Mona Wodsak (Hrsg.):

Poetischer Paris-Führer