Der Mann versteht die Welt nicht mehr. Dreihundert Besucher-Delegationen stahlen ihm im vergangenen Jahr die Zeit, mehr als eine Abordnung pro Arbeitstag. Schlimmer noch: Franzosen, Deutsche und Vertreter anderer reicher Industrienationen wollen seine Fabrik partout dichtmachen - ohne freilich das dafür notwendige Geld herauszurücken, wie er argwöhnt. "Alles nur Gerede", sagte der Mann deshalb verbittert und ganz undiplomatisch seiner Besucherin ins Gesicht. Diesmal war es die Bonner Umweltministerin Angela Merkel, die in der vergangenen Woche bei ihm vorsprach.

Der Mann heißt Sergej Paraschin, ist Direktor des Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine und natürlich von den Vorzügen der nuklearen Stromerzeugung überzeugt - genauso wie Angela Merkel, die gleichwohl bei ihm war, um für die Stillegung seiner Fabrik zu werben. Es stießen zwei Atomfreunde aufeinander, die sich trotzdem nicht verstanden.

Sie trafen sich an dem Ort, wo sich am 26. April 1986 die bisher verheerendste Katastrophe der zivilen Nuklearnutzung abspielte. Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierte. Zweihundertmal soviel Radioaktivität wie durch die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki wurde freigesetzt, mehrere hunderttausend Menschen in der Ukraine und im benachbarten Weißrußland mußten umgesiedelt werden, die Zahl der Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs schnellte in die Höhe, viele Menschen wurden entwurzelt und flüchteten sich in Alkoholismus oder gar in den Selbstmord.

Zum menschlichen Leid in der verseuchten Region gesellte sich im Westen die Furcht, Tschernobyl könne als bedrohliches Symbol auch die Existenz der hiesigen Atomanlagen gefährden. Tatsächlich bereiten sich denn auch die Atomkritiker auf den nahenden zehnten Jahrestag der Katastrophe mit dem Motto vor: Tschernobyl ist überall.

Pech für die Atomgemeinde: Die Ukraine mag sich mit dem vom Westen geforderten Aus für Tschernobyl nicht so recht anfreunden - es sei denn, die westlichen Regierungen zahlen sehr viel Geld, mehr jedenfalls, als sie bisher zu zahlen bereit sind. Der Meiler ist so zum Objekt eines Milliardenschachers geworden: Wirtschaftshilfe, einschließlich der Schaffung von Ersatzarbeitsplätzen für die Tschernobyl-Arbeiter, gegen ein bißchen mehr nukleare Sicherheit. Die Erpressung funktioniert allerdings nur, solange der Reaktor noch läuft - und Europa bedroht.

Daraus macht nämlich selbst Sergej Paraschin keinen Hehl: Seine Reaktoren nähern sich einem kritischen Zustand. Die mehr als 5000 Beschäftigten seien durch die endlose Debatte um Tschernobyl zermürbt, klagt er der Besucherin aus Bonn. Dabei seien doch gerade die Menschen der wichtigste Sicherheitsfaktor. Und mittlerweile könne der Betrieb seine Lieferanten nicht mehr zahlen; nicht auszudenken, wenn deshalb notwendige Reparaturen unterbleiben.

Bizarrer geht es nicht: Während weltweit über die Stillegung von Tschernobyl debattiert wird, ticken zwei der Zeitbomben weiter. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß Sergej Paraschin in wenigen Monaten sogar die Entscheidung trifft, einen dritten Block wieder ans Netz gehen zu lassen, der 1991 nach einem Brand im Maschinenhaus abgeschaltet werden mußte. Man müsse darauf achten, lernte Angela Merkel, "daß jetzt nicht die wirklich gefährliche Phase beginnt".