London Zur Realität des Nordirlandkonflikts gehört es, daß ein Bombenanschlag eine höchst ambivalente Wirkung haben kann. Jede Explosion stärkt die Sehnsucht nach Frieden, gibt aber auch dunklen, atavistischen Trieben neue Nahrung. Mancherorts in den katholisch-republikanischen Hochburgen von Belfast und Derry löste der IRA-Sprengsatz, der die Londoner Docklands verwüstete und zwei Menschen tötete, unverhohlene Genugtuung aus - gerade dort, wo letzthin aufschlußreiche Graffiti aufgetaucht waren: "Gerry Adams - Kollaborateur".

Die Bombe ist der Triumph der Tat über den quälend langwierigen Prozeß der Politik, an dessen Ende nur ein unbefriedigender Kompromiß stehen kann. Die IRA-Bombe entsprang auch der Frustration einer Bewegung, die sich durch Aktion und Kampf definiert und in der viele Aktivisten sogar jenen Freunden mißtrauen, die verhandeln und sich auf Rituale und Sprache der etablierten Politik einlassen. So wie Gerry Adams es getan hat.

Gewalt wirkt ansteckend - bei manchen Protestanten regte sich sogleich der Wunsch nach Vergeltung. Auf der Shankill Road in Belfast gelang es in der Nacht nach dem Anschlag Vertretern der protestantisch-loyalistischen Paramilitärs gerade noch rechtzeitig, eine Gruppe junger Hitzköpfe zu stoppen. Sie hatten getrunken, sich in Rage geredet und wollten es den "Provos" der IRA zeigen. Sie hatten bereits ein Auto gekidnappt, um mit Schrotflinten und Revolvern auf einen Vergeltungstrip zu gehen. Besonnene Mitzecher erinnerten sich, daß das "Vereinigte Oberkommando" der loyalistischen Paramilitärs jeglichen Racheakt strikt untersagt hatte. Ändern wird sich dies, wenn weitere IRA-Bomben explodieren sollten. Dann, so versicherte ein Sprecher der loyalistischen Progressive Unionists, die sich als politischer Flügel der Ulster Voluntary Force verstehen, wird es auch "in Dublin losgehen".

Niemand kann zur Zeit ausschließen, daß der blutige Rhythmus von Gewalt und Gegengewalt, von Terror und Rache in Ulster wieder seinen Lauf nehmen wird. Aber es gibt auch Zeichen, die hoffnungsfroh stimmen. Nur eingeschworene Parteigänger der IRA rechtfertigen das Ende des Waffenstillstands. Die Mehrheit der Nordiren fürchtet das Ende einer Periode, in der sie die Vorzüge eines normalen Alltags kennenlernte, ohne Furcht vor Bombenterror und Todeskommandos. Vor der city hall, dem pompösen spätviktorianischen Rathaus Belfasts, stehen jetzt rund um die Uhr Friedenswachen; Tausende demonstrieren gegen eine Rückkehr des Terrors, allen voran die Frauen der Bewegung "Women Together". Gleichwohl, die Vergangenheit mahnt zur Skepsis. Immer wieder sind in Nordirland Friedensbewegungen gescheitert, trotz massiver Unterstützung und ungeachtet der Nobelpreise, die man den Initiatorinnen verlieh. Das Gesetz des Handelns hat, bislang jedenfalls, noch immer eine militante Minderheit bestimmt.

Mit 250 Kilo Semtex-Sprengstoff hat die IRA am Freitag vergangener Woche versucht, Politik zu machen. Sie will politische Verhandlungen erzwingen, vor allem verlangt sie die "richtigen" Resultate. Die IRA kennt die Wechselwirkung zwischen Politik und Bombenterror. Ohne die gewaltigen Sprengsätze, die 1992 und 1993 in der City von London explodierten, Milliardenschäden anrichteten und die Position der Hauptstadt als internationales Finanzzentrum ernsthaft gefährdeten, hätte sich die britische Regierung kaum zu Kontakten mit der IRA bequemt und schließlich Verhandlungen angeboten.

Britische Unversöhnlichkeit habe sie zu dem mörderischen Anschlag getrieben, rechtfertigen sich die Bombenleger; in den internationalen Medien stößt die IRA-Version auf ein erstaunlich verständnisvolles Echo. Das "perfide Albion", so klingt es zwischen den Zeilen selbst der New York Times an, habe die republikanische Bewegung siebzehn Monate lang hingehalten, habe nichts zugestanden, habe immer weiter verzögert und dann schließlich noch die Unverfrorenheit besessen, Wahlen für Nordirland vorzuschlagen.

Der Premier und seine Minister mögen das Ausmaß der Frustration in den Reihen von Sinn Féin/IRA unterschätzt und Warnzeichen übersehen haben. Auch verließ John Major das Fingerspitzengefühl, als er Ende Januar, ohne vorherige Absprache mit Dublin, vorschlug, nordirische Wahlen schon vor Allparteienverhandlungen anzusetzen. Der britische Premier hat jetzt in einer Rede an die Nation manches korrigiert; vor allem stellte er klar, daß es bei den Wahlen nicht um ein nordirisches Parlament mit legislativen und exekutiven Funktionen geht. Die katholische Minderheit sähe darin eine Rückkehr zu jener parlamentarischen "Diktatur der Mehrheit", deren sich die protestantischen Unionsparteien schon in der Vergangenheit schuldig gemacht hätten. Die Wahl soll lediglich ein Gremium legitimieren, das die Verhandlungsdelegation stellt.