Ungemein zahl- und artenreich besiedeln kleine Nagetiere schon seit vielen Millionen Jahren die Erde. Doch ihre fossilen Spuren sind meist dürftig. Oft müssen sich die Paläontologen mit einzelnen Zähnen begnügen - der harte Schmelz konnte der Zeit am erfolgreichsten trotzen. Wenn dann doch einmal ein vollständiges Skelett auftaucht, ist die Freude groß. Ein besonders kostbarer Fund glückte Wissenschaftlern des Landesamtes für Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. In dem 26 Millionen Jahre alten Ölschiefer bei Enspel, nahe Bad Marienberg im Westerwald entdeckten sie ein außergewöhnliches Nagetier-Fossil. Abgesehen von einigen fehlenden Schwanzwirbeln, ist es vorzüglich erhalten; selbst das dichte Fell mit den zarten Haarspitzen ist erkennbar. "Man kann es fast streicheln", beschreibt Gerhard Storch vom Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main den ersten Eindruck.

Als der Paläontologe das Haarkleid dann gründlicher unter die Lupe nahm, machte er eine überraschende Entdeckung: Zwischen Hals und Handgelenk, Hand- und Fußgelenk sowie zwischen Knöchel und Schwanzwurzel zeichnet sich eine spärlich behaarte Flughaut ab (Nature, 379, Bd. 439). Offenbar konnte das Tier mit ausgebreiteten Armen und Beinen ebenso von Baum zu Baum gleiten wie heute die Flughörnchen in den Wäldern Sibiriens und Nordosteuropas. Bislang wurde unter den ausgestorbenen Nagern nur ein weiterer Gleitflieger entdeckt: ein Verwandter des Siebenschläfers aus deutlich jüngeren Gesteinsschichten in Südfrankreich. Ob sich auch andere Nagetiere in den Luftraum wagten, bleibt ungewiß. Denn von den meisten fossilen Arten sind nur die Zähne bekannt, und die geben wenig Auskunft über die Lebensgewohnheiten ihrer einstigen Besitzer. Immerhin halfen auch beim jüngsten Fund die Zähne bei der Identifizierung. Das Flughörnchen gehört zur Familie der Eomyiden, die vierzig Millionen Jahre lang zahlreich die Erde bevölkerten, bevor sie vor etwa zwei Millionen Jahren ausstarben.

Ein lebendiges Bild fossiler Vergangenheit läßt sich jedoch nur dann zeichnen, wenn ein Tier unter so ungewöhnlichen Umständen stirbt wie in Enspel. Als das fliegende Nagetier dort über einem See verunglückte und ertrank, sank es offenbar rasch auf den Grund des Gewässers. Ehe es verwesen konnte, wurde es von feinkörnigem Schlamm zugedeckt. Zu Ölschiefer verfestigt, konservierte dieser Schlamm dann 26 Millionen Jahre lang einen detaillierten Abdruck des kleinen Körpers - mitsamt der Flughaut.

Auch anderenorts haben sich Ablagerungen von Ölschiefer gebildet, in denen manch ein Fossil mit Haut und Haaren erhalten blieb. Am bekanntesten ist wohl die Grube Messel bei Darmstadt, die im vergangenen Dezember von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Diese Fossillagerstätte birgt jedoch eine ganz andere Fauna als der Ölschiefer von Enspel: Die berühmten Messeler Urpferdchen sind fast doppelt so alt wie das fliegende Nagetier.