Luang Prabang um halb sechs Uhr morgens: Im milchigen Licht des anbrechenden Tages haben die Häuser der ehemaligen Königsstadt im Norden von Laos noch keine Konturen angenommen. Tropischer Nebel verhüllt die Berge. Wer jetzt auf die Straße tritt, befindet sich im grauen Nichts. Nur das Schlurfen von Hunderten nackter Fußsohlen ist zu hören.

In Gruppen laufen kahlgeschorene Mönche, eingehüllt in safrangelbe und orangerote Tücher, im Gänsemarsch entlang des Trottoirs. Dort knien Frauen und Männer auf dem Boden und geben der heiligen Schar Klebreis, Kekse, Bananen und Bonbons in ihre Messingtöpfe. Das Ritual vollzieht sich jeden Tag um dieselbe Stunde, 365mal im Jahr, mit einer Würde und Selbstverständlichkeit, wie sie nur in jahrhundertealter Tradition erreicht wird. Niemand in der sozialistischen Volksrepublik Laos käme auf die Idee, die tägliche Mönchsspeisung abzuschaffen.

Bei einem Besuch im "Land der Million Elefanten", Lane Xang, so der Name des früheren laotischen Königreichs, fallen dem Besucher aus dem Westen zunächst die Widersprüche auf. Zwar tragen, die es sich leisten können, Armbanduhren, meist russischen Fabrikats. Aber niemand schaut drauf. Eile wird hier, wo die Zeit auf der Stelle zu treten scheint, zur Absurdität. Und dieses Gefühl der Zeitlosigkeit überträgt sich fast unbemerkt, aber beharrlich auf den Reisenden. Laos wird zum Gemütszustand.

In der ehemaligen Königsstadt Luang Prabang, dem kulturellen Zentrum des Landes mit seinen 30 Tempeln, leben 30 000 Einwohner und 300 Mönche. Sonst gibt es hier, wo der kleine Nam-Khan-Fluß in den trägen Mekong mündet, nur Urwald, Berge und viel Wasser.

Als Auguste Pavie 1887 zum ersten Mal nach Luang Prabang kam, unterlag er sofort dem Charme des Ortes. Er suchte damals nach Möglichkeiten, den französischen Einflußbereich über die Grenzen Vietnams hinaus auszuweiten. Da Pavie einen langen Bart trug, schloß die Bevölkerung daraus, daß er uralt sein müsse. In Wirklichkeit war er erst 38.

Das Königreich von Lane Xang verzauberte den Kolonialisten jedoch so sehr, daß er über das Land der Million Elefanten zu schreiben begann. Seine Aufzeichnungen betitelte er euphemistisch "Die Eroberung der Herzen" und begründete damit jene Indochina-Romantik, nach der noch heute viele Franzosen in Vietnam und in Laos suchen.

Zu ihnen gehörte Pierre Perrot, der seit 1992 in Luang Prabang wohnt. "Wenn man lange genug in Laos lebt, versteht man das Leben", sagt der rundliche ältere Herr. Der pensionierte Perrot führt die Villa "Souvannaphoum", die den Erben der weitverzweigten königlichen Familie gehört, als exklusives Gästehaus. Ähnlich wie seinerzeit Pavie schreibt auch Perrot über Laos. Ein Kochbuch über die laotische Küche ist bereits fertig. Das zweite Werk, für das noch kein Verleger gefunden wurde, gleicht eher einem Kompendium. Beschrieben wird alles, was man in Laos essen kann: "Wußten Sie, daß es 125 verschiedene Arten von eßbaren Blättern gibt?"