KIEL. - Vielleicht ist es unheimlich, übers Moor zu gehen, aber schön ist es, wunderschön, übers Eis zu wandern. Nicht über das zahme, harmlose Eis irgendwelcher Tümpel und Binnenseen oder über die zugefrorene Alster in Hamburg mit ihren stinkenden Wurstbuden und Müllsäcken, nein, über das richtige, wilde, arktische Eis der Ostsee.

Die fahle Sonne im diesigen Februarhimmel scheint auf vereiste Bootsanleger, eingefrorene Tonnen, Eisberge, Eiswülste, bizarre Eisgebilde allenthalben. Hunderte von Spaziergängern lockt es am Wochenende auf die erstarrte Kieler Förde und die verschneite Kieler Bucht: Ganz allein in der Wüste des Eises ist man dort mitten unter Menschen. Kilometerweit kann man auf der Ostsee lustwandeln; am Ufer finden sich in geziemenden Abständen Punschbuden.

Weit, weit kann man gehen, und die Menschen gehen, trotz Warnungen, immer weiter, hinaus in den Nebel. Dort muß irgendwo die Fahrrinne sein - die ganz großen Schiffe kommen durch -, aber keine Staatsgewalt greift ein und treibt die Spaziergänger zurück: Der Mensch ist eigenverantwortlich, auf einmal, gegenüber dem Wetter, dem Eis, dem Meer.

Zwar gibt es eine "Nautische Eisdienststelle" in Kiel-Holtenau am Nord-Ostsee-Kanal; es gibt, entlang der ganzen Ostseeküste, sogenannte "Eisbeobachter", die nach einem "Ostsee-Schlüssel" den Bedeckungsgrad, die Schollengröße, die Dicke und Oberflächenbeschaffenheit des Eises im Auge behalten; es gibt nicht zuletzt (welch trister Gedanke) Eisbrecher.

Doch all die technischen Versuche, die Oberhand über das Wetter zu gewinnen, sind, Gott sei Dank, ohne Konsequenzen: Am Kieler Strand begegnet uns das authentische Element, der echte Winter, archaische Kälte.

Man möchte, einfach so, jauchzen; man möchte jubeln; man möchte hüpfen - und das Eis hält es aus. Die kleine Charlotte sucht Pinguine, die sie auf ihren Schlitten setzen will. Der Fliederbeerpunsch dampft in den Bechern, über allem große Stille, nur manchmal, vom Horizont her, das sonore Tuut-tuut der Nebelhörner.

Wo gibt es schon noch so eine Freude: ganz umsonst. Gar nicht politisch. Einfach schön. Das versöhnt einen mit allem: dem Landtagswahlkampf. Dem Winterschlußverkauf. Der Schubladenaffäre, der peripheren Lage Schleswig-Holsteins. Wo sonst möchte man leben? Doch nun taut's.